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Jungen Leuten eine Perspektive geben - Provinzial P. Josef Grünner über die Flüchtlingsarbeit der Salesianer Don Boscos

Veröffentlicht am: 07. August 2015

Die Salesianer Don Boscos feiern in diesem Jahr den 200. Geburtstag ihres Ordensgründers Don Johannes Bosco (1815 bis 1888). Wie kein anderer setzte sich der italienische Priester für benachteiligte Jugendliche ein. Zum Jubiläum sprach die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) mit dem Provinzial der Deutschen Provinz Josef Grünner (65) über die Flüchtlingsarbeit des Ordens und die Aktualität der Pädagogik Don Boscos.

Pater Grünner, vor welchen Herausforderungen stehen die Nachfolger Don Boscos heute?

Grünner: Es sind die gleichen wie einst, vielleicht noch etwas verschärft, weil die Globalisierung fortgeschritten ist. Don Bosco nahm sich in Turin der jungen Menschen an, die als Migranten vom Land in die Stadt kamen und Arbeit suchten. An die Ränder zu gehen, ist unsere Aufgabe bis heute weltweit. Dabei kümmern wir uns auch um minderjährige Flüchtlinge.

Wie viele junge Flüchtlinge sind in Ihrer Obhut?

Grünner: Derzeit sind in elf unserer Einrichtungen 373 unbegleitete, minderjährige Flüchtlinge vor allem in Bayern und in Rheinland-Pfalz untergebracht. Für diese Zielgruppe haben wir mit unseren Wohnheimen, Jugendhilfeeinrichtungen und Berufsbildungswerken auch geeignete Strukturen, vor allem gut ausgebildetes Fachpersonal. Diese jungen Leute, oft traumatisiert, brauchen fachliche Hilfe, Betreuung, vor allem ein stimmiges pädagogisches Konzept. Damit sie eine Zukunftsperspektive entwickeln können.

Wie alt sind diese Jugendlichen und woher kommen sie?

Grünner: In der Regel sind sie zwischen 16 und 18 Jahre alt. Junge Männer vor allem aus verschiedenen Ländern Afrikas, aus Afghanistan, Irak und Syrien.

Die Jugendämter suchen händeringend nach einer guten Bleibe ...

Grünner: Der Druck ist groß. Uns ist wichtig, dass die Flüchtlinge genauso betreut werden wie die anderen jungen Menschen in unseren Einrichtungen. Sie sind in pädagogischen Wohngruppen mit bis zu zwölf Jugendlichen untergebracht. Vier Betreuer kümmern sich rund um die Uhr. Wir legen wert auf Transparenz im ausländerrechtlichen Verfahren, dazu kommt die Kooperation mit anderen Trägern. Die Flüchtlinge sollen im Rahmen ihrer Möglichkeiten gefördert werden, dazu gehören Sprachkurse und berufliche Qualifikation. Da ist es ein Vorteil, dass sie bei uns auch mit anderen jungen Leuten zusammenkommen. Sie können gemeinsam die Freizeit verbringen und essen. So geschieht Begegnung und letztlich Integration.

Wie geht man mit heterogenen Gruppen um?

Grünner: Da müssen Menschen aus verschiedenen Ländern, Kulturen und Religionen zusammenfinden. Unsere Mitarbeiter werden dafür von unserem Jugendpastoralinstitut in Benediktbeuern geschult, verstehen sich auf Traumapädagogik und interreligiöse Kompetenz. Sie müssen auskunftsfähig sein und etwa Muslimen helfen können, dass sie ihre religiöse Tradition leben und sich in unsere christlich orientierte, aber auch säkulare Gesellschaft integrieren können.

Wie lief das im Fastenmonat Ramadan?

Grünner: In dieser Zeit hatten wir in Bamberg an einem Wochenende unser jährliches, provinzweites Sportfest. Von den etwa 160 teilnehmenden Jugendlichen waren mindestens die Hälfte minderjährige Flüchtlinge, viele davon Moslems. Einige haben mit ihren Gruppen schon um drei Uhr morgens, also vor Sonnenaufgang, gefrühstückt, und sich tagsüber mehr oder weniger an die Regeln gehalten. Die Entscheidung, wie damit umzugehen ist, muss man den Jugendlichen auch ein Stück selbst überlassen.

Hat sich mancher anders entschieden?

Grünner: In einer Gruppe haben Jugendliche diskutiert, wie streng sie Ramadan halten wollen. Ein junger Mann sagte dann, er wolle sich nicht mehr an diese Regeln halten, auch wenn ihm bewusst sei, dass er dann in die Hölle kommen werde. Aber die anderen Jugendlichen, die er kennengelernt habe, die keine Moslems sind und sich sowieso nicht dran halten, die kämen dann ja auch in die Hölle. Und er sei eh lieber mit denen zusammen als mit den anderen.

Wie gehen die Jugendlichen mit dem «Kulturschock» um?

Grünner: Die jungen Leute kommen mit großen Erwartungen und wollen teilhaben an all dem Wohlstand. Doch sie merken, das geht nicht so einfach. Das kann eine positive Wirkung haben. Viele sind sehr motiviert, wollen möglichst schnell etwas lernen, sei es die Sprache oder eine berufliche Qualifikation, um dann selber etwas verdienen zu können für sich und ihre Familien. Doch da gibt es die anderen, die sofort den Wohlstand haben wollen. Hier ist die Sorge größer, wie sie begleitet werden können, den richtigen Weg zu gehen und auch lernen zu verzichten.

Wie sehen Sie die Zukunft dieser Jugendlichen?

Grünner: Die meisten sagen mir, dass sie sich hier bei uns eine Existenz aufbauen möchten. Ich denke, unsere Gesellschaft hat Platz und braucht diese jungen Menschen. Aber es wird auch notwendig sein, jene, die wenig Chancen haben hierzubleiben, zu qualifizieren. Dann haben sie etwas, mit dem sie zu Hause oder woanders besser zurechtkommen. Auf jeden Fall sollten sie einen Abschluss machen können. Genauso wichtig ist, in den Fluchtländern die Situation zu verbessern. Wir Salesianer verfolgen dieses Ziel und sind in 132 Ländern der Welt tätig.

Wo hapert es derzeit bei uns in der Gesellschaft?

Grünner: Wir stellen fest, dass die Jugendämter im Moment vor allem mit den unbegleiteten Flüchtlingen beschäftigt sind. Die Hilfe für unsere Jugendlichen, die starke Probleme haben, darf aber nicht vernachlässigt werden. Das muss Hand in Hand gehen. So setzen wir uns gerade auch für junge Menschen ein, die keinen Schulabschluss geschweige eine Berufsausbildung haben. In unserem Zentrum in Berlin-Marzahn machen wir diese Arbeit seit zehn Jahren in enger Zusammenarbeit mit dem Jobcenter. Auch in Chemnitz beginnen wir jetzt damit, für Köln gibt es Pläne. In Würzburg wiederum bieten wir im Berufsbildungswerk mit dem Diözesancaritasverband minderjährigen Müttern die Möglichkeit, Ausbildung und Kinderbetreuung zu verbinden.

Don Bosco fand einst den Ordensnachwuchs unter den zu betreuenden jungen Leuten. Wie sieht es heute aus?

Grünner: Wir sind überzeugt, dass das Werk Don Boscos aktuell wie nie ist und in Deutschland weitergehen muss. Im Augenblick haben wir zwei junge Männer im Noviziat. Gemeinsam mit unseren Mitarbeitern wollen wir uns stärker Gedanken machen über Berufungen in ihrer jeweiligen Vielfalt. Lasst uns doch schauen, wo Gott den oder die oder uns hinhaben will!

Interview: Barbara Just (KNA)

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Weitere Informationen zur Arbeit der Salesianer Don Boscos mit Unbegleiteten Minderjährigen Flüchtlingen in Deutschland finden Sie hier:

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