Dem Evangelium in Europa ein Gesicht geben
Aschau-Waldwinkel, 13. Mai 2011 - „Europa hat für mich ein Gesicht bekommen“, so fasste einer der Teilnehmer seine Eindrücke am Ende der Visita d’insieme zusammen, die vom 8. bis 13. Mai im Berufsbildungswerk Waldwinkel in Aschau (Obb.) stattfand. Und er sprach dabei wohl so manchem Teilnehmer aus dem Herzen.
Der Generalobere der Salesianer Don Boscos, Don Pascual Chávez Villanueva war zusammen mit einigen der Generalräte, Don Adriano Bregolin (Vikar), Don Francesco Cereda (Ausbildung), Don Fabio Attard (Jugendpastoral), Don Marek Chrzan (Regionalrat) und Br. Jean-Paul Muller (Generalökonom), aus Rom angereist, um sich mit den verantwortlichen Provinzialen, Delegaten und Räten der „Atlantisch-deutschen Zone“ zu treffen. Dazu zählen die salesianischen Ordensprovinzen Flanderns und der Niederlande, Großbritanniens, Irlands und Maltas, Österreichs und Deutschlands. „Visita d’insieme“ bedeutet: „gemeinsamer Besuch“ mehrerer Provinzen. Drei Jahre nach dem 26. Generalkapitel (2008) besucht der Generalobere mit einigen seiner Räte gruppenweise die Ordensprovinzen auf der ganzen Welt, um mit ihnen die Umsetzung der Beschlüsse des Generalkapitels zu überprüfen und Perspektiven für die Zukunft zu erarbeiten. Nacheinander wurden die folgenden Themen miteinander reflektiert: die Umsetzung des 26. Generalkapitels und sich daraus ergebende Perspektiven, die Evangelisierung im Kontext einer säkularen Gesellschaft, die Ordensdisziplin und die gelebte Treue, die Strukturierung der Provinzen und der Regionen Europas sowie die Möglichkeiten der Zusammenarbeit im sog. „Projekt Europa“, welches vom letzten Generalkapitel ausgerufen worden ist. In einer offenen Gesprächsatmosphäre wurden die Erfahrungen aus den unterschiedlichen Provinzen vorgestellt und Impulse und Denkanstöße von Seiten des Generalrates gegeben, die in Arbeitsgruppen diskutiert und vertieft wurden. Mit Hilfe kompetenter Übersetzer gelang es, vorhandene Sprachbarrieren zu überwinden und zu einem befruchtenden Austausch zu kommen. Dies war besonders in den Arbeitsgruppen zu spüren.
Immer wieder zeigte sich, dass die versammelten europäischen Salesianerprovinzen bei aller länderspezifischen Besonderheit doch auch vor denselben Herausforderungen stehen: die Sendung zu den Jugendlichen, die von einer säkularen und pluralen postmodernen Gesellschaft geprägt sind; eine wachsende Zahl von jungen Menschen, die am Rande der Gesellschaft leben; der Mangel an Berufungen und damit verbunden die wachsende Überalterung der Gemeinschaften; knapper werdende finanzielle Ressourcen usw. Dabei waren die Teilnehmer weit davon entfernt, angesichts der realistisch in den Blick genommenen Grenzen und Schwierigkeiten in ein Klima des Klagens und Lamentierens zu verfallen. Vielmehr waren sie sich dessen bewusst, dass die salesianische Spiritualität sie dazu einlädt, mit einem wertschätzenden Blick die Welt von heute, insbesondere auch die Lebenswelten der Jugendlichen, zu sehen und ihr in der Grundhaltung des Optimismus zu begegnen. Immer wieder wurde der Überzeugung Ausdruck verliehen: „Zusammen mit unseren Mitarbeitern und Freunden sind wir eingeladen, den jungen Menschen von heute das Evangelium zu bezeugen. Wir haben ihnen etwas zu sagen.“ Insbesondere der Generalobere Don Pascual Chávez machte den Provinzen Nordwesteuropas Mut und Hoffnung: „Ich bin davon überzeugt, dass das Charisma und die Sendung Don Boscos zur bedürftigen Jugend im heutigen Europa gebraucht werden und eine Zukunft haben.“ Die Diskussionen machten deutlich, dass zurzeit in der atlantisch-deutschsprachigen Zone keine Provinzenfusionen anstehen. Der Wunsch nach einer engeren Zusammenarbeit, z.B. im Bereich der Aus- und Fortbildung von Salesianern und Laien, wurde aber allgemein bekräftigt. Von einigen Teilnehmern wurde auch stark der Wunsch nach einem „jugendpastoralen Zentrum“ auf dem Colle Don Bosco geäußert.
In den Beratungen wurden auch die Krisenphänomene nicht ausgeblendet. Eine eigene Arbeitseinheit beschäftigte sich mit den Vorwürfen von sexuellem Missbrauch und pädagogischer Gewalt, von denen mehrere der anwesenden Provinzen im vergangenen Jahr betroffen waren, und anderen Fragen der Ordensdisziplin, wie z.B. den Herausforderungen des Armutsgelübdes. Von verschiedenen Teilnehmern wurde dabei der deutschen Provinz eine große Anerkennung ausgesprochen für die offene und aufrichtige Art und Weise, wie sie mit den Vorwürfen von Missbrauch und Misshandlung umgegangen ist. Die versammelten Verantwortlichen waren sich jedoch auch einig, dass man nun nicht einfach zur Tagesordnung übergehen dürfe. Außer einer ehrlichen Aufarbeitung müsse es auch darum gehen, eine Kultur des „Hinschauens und Handelns“ zu entwickeln und eine Spiritualität des Vorausschauens einzuüben, die ja eine zentrale Dimension des recht verstandenen Präventivsystems darstellen.
Abgeschlossen wurden die inhaltlichen Beratungen durch den Schlussvortrag des Generalobern. In ihm rief er die Salesianer Nordwesteuropas auf, sich in ihrer Berufung neu an Don Bosco auszurichten und ihre Sendung zur Jugend als „Mystiker, Propheten und Diener“ zu leben. Die „Zeichen der Zeit“ forderten sie dazu auf, eine Kultur der Berufung zu schaffen und sich in der Haltung des „Da mihi animas, cetera tolle“ den vielfältigen Formen der Armut junger Menschen zuzuwenden. Mit diesen animierenden Worten sandte der Generalobere die versammelten Provinziale und Räte zurück in ihre Heimatprovinzen: „Kehren wir voller charismatischer Inspiration und mit geistlicher Dynamik in unsere Provinzen, zu unseren Mitbrüdern und den Jugendlichen zurück, damit der Traum Don Boscos sich erfülle. Gott ist alles möglich. Wie gestern so ist auch heute die Treue zu den Jugendlichen (sie sind unsere Sendung, der Grund unserer Existenz in Kirche und Gesellschaft) und zum Präventivsystem das Geheimnis unserer Treue. Wie gestern so ist auch heute die beste Art und Weise diese Herausforderungen zu meistern, demütig und stark zu sein. Wie gestern so sind wir auch heute nicht allein, sondern haben Maria als unsere Lehrerin und Mutter. ‚Steht auf, wir wollen gehen!’ (Mk 14,42)” Es ist eine Aufforderung, die das Anliegen des 26. Generalkapitels auf den Punkt bringt. Sie richtet sich letztlich an alle salesianischen Gemeinschaften und Erziehungs- und Pastoralgemeinschaften der atlantisch-deutschsprachigen Provinzen!
Der geistliche Höhepunkt des Treffens war die Wallfahrt am Mittwochnachmittag. Diese führte die Teilnehmer zunächst in das Geburtshaus von Papst Benedikt XVI. und seine Taufkirche nach Marktl am Inn und dann in das spirituelle Zentrum Altbayerns nach Altötting. Dort vertrauten sie die Anliegen der jungen Menschen, ihrer Heimatprovinzen und der ganzen Don-Bosco-Familie Maria, der Mutter der Kirche und Helferin der Christen, an.
Dass sich die Woche der gemeinsamen Beratungen in einer sehr brüderlichen und herzlichen Atmosphäre vollzog, dafür ist nicht zuletzt dem Berufsbildungswerk Waldwinkel, insbesondere dem Team des Ausbildungshotels Don Bosco, zu danken. Hier wurden die Gäste aus Europa in ganz hervorragender und in wohl kaum noch zu überbietender Weise beherbergt und bewirtet. Mehr noch: Im Laufe der Woche wuchs zwischen den Jugendlichen und ihren Ausbildern und den Gästen aus Europa ein so herzliches Verhältnis, dass sich mancher Teilnehmer der Visita, angefangen beim Generalobern selbst, „a casa“ – wie zu Hause – fühlte. Europa hat ein Gesicht bekommen, auch durch die Auszubildenden in Waldwinkel, die ihr Bestes gegeben und wahre Gastfreundschaft geübt haben. So haben sie dazu beigetragen, dass das „Projekt Europa“ erfahrbar geworden ist.
(P. Reinhard Gesing)