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„Der Aschermittwoch 2010 hat eine neue Zeit markiert“

Veröffentlicht am: 06. April 2010
„Der Aschermittwoch 2010 hat eine neue Zeit markiert“

P. Josef Grünner, Provinzial der Deutschen Provinz der Salesianer Don Boscos, äußert sich zu den Missbrauchvorwürfen gegen seine Ordensgemeinschaft, erste Konsequenzen, Schuld und Vergebung, präventive Maßnahmen und warum sich die Salesianer Don Boscos gerade jetzt ihrem Sendungsauftrag neu stellen müssen.

Pater Grünner, seit Aschermittwoch werden gegen Ihre Ordensgemeinschaft schwere Vorwürfe des sexuellen Missbrauchs und der Misshandlung gegenüber Kindern und jungen Menschen in ehemaligen Einrichtungen der Salesianer Don Boscos erhoben. Welche Erinnerungen und Gefühle verbinden Sie mit diesem Tag?
Dieser Tag wird mir immer in Erinnerung bleiben. Sicherlich hatten wir uns Gedanken gemacht, nachdem in den Wochen zuvor in den Medien schon Meldungen von Missbrauch und Übergriffen im kirchlichen Bereich bekannt geworden waren. Dass auch wir betroffen sein könnten, lag durchaus im Bereich des Vorstellbaren, zumal wir seit bald 100 Jahren in Deutschland in der Arbeit mit jungen Menschen tätig sind. In dieser Zeit haben wir mehr als 50 Einrichtungen unterhalten, in denen mehrere Hunderttausend junge Menschen gelebt haben. Heute sind es noch 30 zentrale Einrichtungen.
Trotzdem war es umso bedrückender und bestürzender als am Aschermittwoch zunächst Vorwürfe gegen unser ehemaliges Schülerheim in Augsburg und später gegen unsere 2005 geschlossene Einrichtung in Berlin-Wannsee erhoben wurden. Das war eine völlig neue Situation, mit der wir uns konfrontiert sahen und der wir uns von jetzt auf gleich stellen mussten.

Was waren Ihre ersten Reaktionen?
Unmittelbar nachdem die ersten Vorwürfe bekannt wurden, haben wir eine Arbeitsgruppe aus internen wie externen Personen eingerichtet, die zeitnah Anschuldigungen bearbeitet, allen Hinweisen nachgeht und alles für eine gründliche Aufarbeitung leistet. In der Arbeitsgruppe haben wir alles offengelegt und transparent gemacht, sodass nichts im ordensinternen Bereich geblieben ist.
Bei allen Untersuchungen standen und stehen immer die Opfer im Vordergrund.
In der Arbeitsgruppe wird entsprechend den Richtlinien „Zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Ordensleute im Bereich der Deutschen Ordensobernkonferenz“ gehandelt. Dazu gehört u.a. eine gründliche Sichtung vorhandenen Aktenmaterials, der Kontakt zu potenziellen Opfern, Tätern und Zeitzeugen, die Rücksprache mit Fachleuten, eine interne und externe Kommunikation und die Information der zuständigen Diözesen, die Vermittlung von Hilfsangeboten für mögliche Opfer, Sanktionen gegen Ordensmitglieder bzw. Mitarbeiter nach erwiesener Schuld und die Dokumentation der Vorwürfe und Erkenntnisse als Grundlage für eine gründliche Aufarbeitung der Geschehnisse.
Auch der seit 2003 Beauftragte der Deutschen Provinz für aktuelle Fälle sexuellen Missbrauchs, Prof. Dr. Günther Schatz, Professor für Pädagogik an der Katholischen Stiftungsfachhochschule München, wurde in die Arbeitsgruppe eingebunden.

Die Untersuchungen haben inzwischen ergeben, dass es in ordenseigenen Einrichtungen zu sexuellem Missbrauch und Misshandlungen an Kindern und Jugendlichen gekommen ist. Wovon berichten die Opfer?
Es geht um verschiedene Anschuldigungen gegenüber unterschiedlichen Personen, die ab den fünfziger Jahren in verschiedenen unserer Einrichtungen gelebt haben. Für die Aufarbeitung kristallisieren sich drei Schwerpunkte heraus: körperliche Gewalt, sexueller Missbrauch und eine Form religiösen Drucks, wobei alle Begriffe hier sehr weit zu sehen sind.
Opfer berichten über Schläge mit Stöcken als Bestrafung für kleinste Verfehlungen oder sogar aus purer Willkür, besonders in der fünfziger und sechziger Jahren.
Die Opferschilderungen über sexuellen Missbrauch sind erschütternd und lassen allenfalls erahnen, was die betroffenen Kinder und Jugendlichen erleiden mussten und wie sich diese Erfahrungen prägend durch ihr ganzes Lebens und das Leben ihrer Familien ziehen.
Einzelne haben zudem beklagt, dass sie sehr stark in eine religiöse Praxis hineingedrängt worden seien, die ihnen nicht entsprach, zum Beispiel in täglichen langen Gebetsübungen, die für alle verpflichtend waren und deren Besuch mit zum Teil harten Strafen durchgesetzt wurde.

Welche Konsequenzen wurden aus den bisherigen Ergebnissen gezogen?
Wir haben uns schnell dazu entschieden, noch bevor es von der Freisinger Bischofskonferenz beschlossen wurde, alle Vorwürfe, die an uns herangetragen wurden, an die Staatsanwaltschaft zu übergeben. Das ist inzwischen erfolgt, mit der Bitte, diese Vorwürfe zu überprüfen. Mit diesem Schritt wollen wir Transparenz erreichen: Jede Form des Missbrauchs oder der Misshandlung wird überprüft und juristisch verfolgt, soweit noch keine Verjährung vorliegt.

Das Provinzkapitel der Deutschen Provinz steht an. Wie geht man auf dem Hintergrund der vergangenen Wochen auf ein solches Datum zu? Business as usual oder Krisenintervention mit Neuausrichtung?
Der Aschermittwoch 2010 hat eine neue Zeit markiert, hinter die wir nicht zurückgehen können und nicht zurückgehen wollen. Die bisherige Planung des Provinzkapitels ist überholt. Wir werden diese Tage vor dem Hintergrund der sich nun aufdrängenden Fragen neu gestalten. Vor allem die Frage der Ordensidentität wird zentral sein. Wo stehen wir heute? Müssen wir uns angesichts der Anschuldigungen verstecken, neu aufstellen oder neu orientieren? Welche Aufgaben haben wir? Wie können wir angesichts dieser Situation unserem Sendungsauftrag, für junge Menschen da zu sein, gerecht werden? Wie können wir diese schmerzvolle Erfahrung, das dunkle Kapitel unserer Geschichte, verarbeiten, ohne es zu verdrängen?
Es wird um unseren Lebensstil und unsere Lebensform als Ordenschristen, um die Gotthingabe, unsere Gelübde und unser Gemeinschaftsleben gehen. Wir müssen hier neu und ehrlich nachdenken. Wir dürfen uns gegenseitig nichts vormachen, sondern müssen realistisch sein und prüfen, was möglich ist und uns gegenseitig stützen.
Es gilt, auch unsere Sendung zu überdenken, vor allem auch vor dem Hintergrund, dass wir weniger werden, dass wir selber künftig immer weniger pädagogische Arbeit leisten können und Verantwortung an unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter abgeben müssen, damit dieser Geist Don Boscos auch in der heutigen Pädagogik lebendig bleiben kann.

Auf jeden Aschermittwoch kommt ein Ostern. Glauben Sie, dass Sie dieses Jahr schon Auferstehung feiern?
Dass Ostern kommt, ist meine feste Überzeugung, mein fester Glaube. Aber bis dorthin brauchen wir noch viel Kraft auf dem derzeit noch schwierigen Weg durch das Dunkel ins Licht des Ostermorgens.

Mit Provinzial P. Josef Grünner sprach Katharina Hennecke. Das hier in gekürzter Form vorliegende Interview wurde in der Karwoche geführt. Eine ausführliche Fassung lesen Sie in der nächsten Ausgabe des DON BOSCO MAGAZINS, das Anfang Mai erscheint.

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