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Die Kinder von Constanza - Salesianer Don Boscos fördern in Rumänien Kinder aus armen Familien

Veröffentlicht am: 10. September 2011
Arme Familien leben in Constanza auf engstem Raum

„Die schlimmen Zeiten, da wir unter den Kanaldeckeln nachschauten, um zu sehen, ob sich in der Kanalisation Kinder verkrochen hatten, sind Gott sei Dank vorbei“, sagt Don Tizziano. P. Baracco Tizziano ist der Hausobere der Salesianer Don Boscos in Constanza. Als die Salesianer 1996 in die rumänische Hafenstadt am Schwarzen Meer kamen bot sich ihnen ein Bild des Schreckens: „Die Stadt machte einen vollkommen verkommenen Eindruck. Wir kamen hierher, weil wir gehört hatten, dass es tausende Straßenkinder gäbe.“

Wenn es im Winter bitter kalt wurde, verkrochen sich die Straßenkinder in den Röhren für die Fernheizung, mit denen die tristen Plattenbausiedlungen beheizt wurden. Hin und wieder kam die Polizei und sprühte reichlich Tränengas in den städtischen Untergrund, um die Rohrbesetzer ans Tageslicht zu befördern: „Es war als hätte man schädliche Insekten ausgeräuchert“, erinnert sich P. Sergio Bergamin, der damals als erster „salesianischer Kundschafter“ von Venedig nach Constanza kam: „Wenn die Kinder oben auftauchten, setzte es eine ordentliche Tracht Prügel. Danach wurden sie meist in einer geschlossenen Anstalt weggesperrt.“ Dadurch, dass Pater Sergio und die Salesianer mit Geldspenden halfen die Situation in den staatlichen Heimen, in denen katastrophale Zustände herrschten, zu verbessern, erwarben sie sich das Vertrauen der Behörden. Don Sergio konnte so die Polizei bewegen von ihrer Hatz gegen Straßenkinder abzulassen.

Die „Kanalkinder“ sind inzwischen Geschichte. Heute leisten die Salesianer Don Boscos in Constanza präventive Sozialarbeit. Im Rahmen eines europäischen Förderungsprogramms kümmern sie sich um die Ausbildung von 240 Kindern aus ärmsten Verhältnissen: Sozialarbeiter besuchen sozialschwache, teils zerrüttete Familien und überreden die Eltern ihre Kinder zur Schule zu schicken: Wenn die zustimmen, kleiden Mitarbeiter Don Boscos die Kinder neu ein, stellen ihnen das Schulmaterial und geben ihnen Nachhilfeunterricht, bis sie wieder das Niveau normaler Schulgänger erreicht haben.

Die Salesianer Don Boscos haben vor einigen Jahren ihr Hauptquartier am Stadtrand von Constanza im Schatten riesiger Kühltürme, die zum städtischen Wasserwerk gehören, aufgeschlagen. Das Centrul Salezian liegt inmitten eines stillgelegten Industriegebietes. Tagsüber gleicht die Gegend einer Geisterstadt. Das ändert sich schlagartig am späten Nachmittag. Aus allen Himmelsrichtungen strömen Kinder und Jugendliche in die stille Nebenstraße. Das Sportgelände der Salesianer zieht sie magisch an. Hier können sie für einige Stunden der täglichen Langeweile, den engen Verhältnissen daheim, dem Schmuddel und dem Schmier der Straße entfliehen. Spiel und Sport war das Fundament auf dem schon Johannes Bosco seine Pädagogik aufbaute. Getreu der Losung Don Boscos, dass die Salesianer „in der Schule Meister, in der Freizeit Freunde“ sein sollen, mischen sie sich unter die spielenden Kinder und knüpfen dabei persönliche Kontakte. So bekommen sie Einblick in die soziale Situation der Familien.
Auffallend ist die große Zahl an Zigeunerkindern, die sich auf dem Gelände tummelt. Obwohl Roma und Sinti in Constanza - anders als im restlichen Rumänien - nur eine verschwindende Minderheit von einem Prozent sind, stellen sie in den Einrichtungen der Salesianer um die 20 Prozent. Das entspricht einem pädagogischen Konzept: “Wenn Kinder gemeinsam aufwachsen, hegen sie später keine Vorurteile gegeneinander. Sie haben die Erfahrung gemacht, dass die Hautfarbe und die Herkunft eines Menschen keine wirkliche Rolle spielen“, sagt Pater Tizziano.

Inmitten ihres großen Gartens haben die Salesianer zwei Kinderhäuser eingerichtet. Die zwölf Jungen, die dort leben, sind zwischen sechs und 18 Jahren und allesamt Sozialwaisen. Es sind Kinder deren Eltern buchstäblich am Bettelstab gehen. Mitarbeiter von Don Bosco haben sie irgendwann von ihren Hausbesuchen in den Plattenbauten von Constanza mitgebracht: „Fast alle leiden an schweren Traumata und brauchen ständig psychologische Betreuung“, sagt Martha Nechifor, Hausmutter in der Casa Claudia. Martha ist eine Frau mit Herz, die selber unverheiratet blieb, weil sie daheim half sieben jüngere Geschwister groß zu ziehen.

Die meiste Kundschaft haben die Salesianer in einer Plattenbausiedlung namens ICAR. Die schäbige Siedlung stammt aus sozialistischer Zeit. Sie wurde von einer Fabrik errichtet, um dort unverheiratete Arbeiter unterzubringen. Jede Wohnung besteht aus einer einzigen Kammer mit einem kleinen Vorraum. 20 Parteien teilen sich eine Dusche und ein Klo auf dem Flur. Nach der Schließung des Werkes haben sich in der verlassenen Siedlung arme Familien niedergelassen. Seitdem gleichen die maroden Bauten Bienenstöcken, weil in den drei Stockwerken der einzelnen Wohnblöcke jeweils 400 bis 500 Menschen hausen.

Seit 15 Jahren leben auch die Manoles in einer solchen Wohnung. Es ist ein Loch ohne Lüftung. Es gibt weder Heizung im Winter noch Kühlung im Sommer. Die feuchte Luft steht förmlich im Raum. Überall kriechen Kakerlaken und sonstiges Getier. Eines der Kinder haben die Mutter zu den Schwiegereltern gegeben, weil sie Platz braucht für ein anderes, das sich hier einen Wasserkopf und ein schweres Rückenleiden geholt hat.

Seitdem die vier älteren Kinder Nutznießer des Don Bosco Programms sind, brauchen sie ihre Hausaufgaben nicht mehr an dem winzigen Rauchertischchen zu schreiben, das eigentlich als Esstisch dient. Seitdem sie ihre Hausaufgaben abends bei den Salesianer macht, bringt die zwölfjährige Sandra hervorragende Noten nach Hause. Ihr achtjähriger Bruder David spricht bereits davon, später Bankdirektor zu werden, um sich und seiner Familie eine ordentliche Wohnung zu kaufen.

Ob es je dazu kommen wird, ist überaus fraglich. Denn die Mittel, die die Salesainer Don Boscos aus dem europäischen Förderungsprogramm beziehen, laufen demnächst aus. Dann fehlen umgerechnet 36.960 Euro in der Kasse: „Wenn nicht ein Wunder geschieht“, sagt Don Tizziano“, müssen wir nach der Sommerpause den Mittagstisch für 220 Kinder streichen und die sechs Lehrer, die sie unterrichten, nach Hause schicken.“

(Marcel Bauer)

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