AKTUELLES
DRITTER BERICHT DER ARBEITSGRUPPE DER SALESIANER DON BOSCOS ZUR AUFKLÄRUNG VON VORWÜRFEN DES SEXUELLEN MISSBRAUCHS UND DER MISSHANDLUNG
Dritter Bericht der Arbeitsgruppe der Salesianer Don Boscos zur Aufklärung von Vorwürfen des sexuellen Missbrauchs und der Misshandlung
Situation
München, 30. März 2010 - Nach Wochen der intensiven Auseinandersetzung mit den Anschuldigungen gegen Ordensangehörige und Mitarbeiter der Salesianer Don Boscos, hat sich der Provinzial, P. Josef Grünner SDB, im Rahmen einer Direktoren- und Leiterkonferenz zum aktuellen Stand, zum Umgang mit den Vorwürfen und zu den Konsequenzen für die Deutsche Provinz geäußert.
Für die Direktoren und Leiter steht fest, dass sie gerade in dieser schwierigen Situation die Arbeit im Geiste Don Boscos als wichtige Aufgabe sehen und sich dem Auftrag mit aller Kraft stellen. Sie wollen zusammen mit den ca. 1.600 Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern in den 35 Einrichtungen beitragen, dass die jungen Menschen bestmöglich betreut und gefördert werden, damit ihr Leben gelingt.
Seit Aschermittwoch, den 17.2.2010, sind bei den Ansprechpartnern 62 Meldungen von Betroffenen ab dem Zeitraum der 1950er Jahre eingegangen. Davon beziehen sich 34 auf körperliche Gewalt; 28 auf sexuelle Übergriffe in unterschiedlicher Schwere. In einigen Fällen wird auch die Ausübung religiösen Drucks beklagt. Zu den gemeldeten Fällen zählen auch solche, die den Verantwortlichen bereits bekannt waren, da sie strafrechtlich abgeurteilt waren. Bis zum jetzigen Zeitpunkt konnten von den bekannt gewordenen Fällen 22 Vorwürfe aufgeklärt werden.
Seitens der Deutschen Provinz wurde eine Arbeitsgruppe bestehend aus
internen und externen Personen eingesetzt, die den einzelnen Vorwürfen nachgeht. Bei den Untersuchungen stehen immer die Opfer im Vordergrund, denen nach glaubhaft gemachter Schuld eines Ordensmitglieds Hilfen zur Aufarbeitung des erlebten Leids durch Therapien angeboten wurden. Zur rechtlichen Bewertung der vorliegenden Beschuldigungen wurden alle bekannten Fälle nach Zusammenstellung der Akten an Staatsanwaltschaften übergeben. Mit diesem Schritt wollen die Salesianer erreichen, dass jede Form des Missbrauchs oder der Misshandlung überprüft wird und, soweit noch keine Verjährung vorliegt, juristisch verfolgt werden kann. Beschuldigte Ordensmitglieder und Mitarbeiter werden, sofern sie noch leben, nicht in der Arbeit mit jungen Menschen eingesetzt und nach erwiesener Schuld zur Rechenschaft gezogen.
Erfahrungen der Arbeitsgruppe
Mit allen Betroffenen, die sich bei den Ansprechpartnern der Arbeitsgruppe gemeldet haben, wurde persönlich Kontakt aufgenommen. In vielen Fällen sind die betroffenen Personen dankbar für die Möglichkeit, über das Erlebte ins Gespräch kommen zu können. Sowohl Ordensmitglieder als auch externe Ansprechpartner werden von diesen kontaktiert.
Diese persönlichen Kontakte sind für die Aufklärung der Vorwürfe sehr hilfreich. Oftmals liegen die Tatzeiten sehr lange zurück, deshalb müssen
die einzelnen Fakten und Hintergründe mühsam mit Hilfe von Zeitzeugen verifiziert werden. Noch lebende Beschuldigte werden mit den Vorwürfen konfrontiert.
Die Arbeitsgruppe bemüht sich, die Vorwürfe so schnell wie möglich aufzuklären. Allerdings stellt sich heraus, dass die Recherchen und Gespräche sehr viel Zeit in Anspruch nehmen. Vieles kann nicht mehr zweifelsfrei geklärt werden, da verschiedene Beschuldigte verstorben sind, den Orden verlassen haben und nicht mehr auffindbar sind oder nicht mehr ansprechbar sind.
Bei den Ansprechpartnern der Arbeitsgruppe melden sich neben Betroffenen auch Personen, die über ihre Zeit in einer unserer Einrichtungen berichten wollen. Diese differenzierten Berichte helfen bei der Aufklärung und unterstützen die Arbeitsgruppe dabei, die Umstände der damaligen Situation genauer erfassen zu können. Die Arbeitsgruppe geht allen Hinweisen auf der Grundlage der Richtlinien zum Umgang mit Fällen von Missbrauch und Misshandlung der Deutschen Bischofskonferenz und der Deutschen Ordensobernkonferenz nach.
Aufarbeitung
Neben der Aufklärung der aktuellen Fälle beginnt die Deutsche Provinz der
Salesianer Don Boscos auch mit der Aufarbeitung dieser dunklen Seite der Ordensgeschichte. Die Salesianer Don Boscos sind es sich selbst und ihrer Glaubwürdigkeit, vor allem aber den ihnen heute anvertrauten jungen Menschen und ihren Eltern, den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, den Freunden, Wohltätern und Stiftern schuldig, sich diesen Vorkommnissen zu stellen, die Geschehnisse aufzuarbeiten und aus ihnen für die Zukunft zu lernen. Dies verlangt auch der salesianische Auftrag in der Tradition Johannes Boscos, der für die Erziehung und Bildung junger Menschen auch heute höchst aktuell ist.
Die Grundsäulen der Pädagogik Don Boscos sind „Vernunft“, „Liebe“ und
„Religion“. Im Sinne des Grundprinzips der „Vernunft“ lehrte Don Bosco seine Nachfolger, junge Menschen zu verantwortungsvollen Bürgern zu erziehen und sie zu eigenständigem Denken und Handeln zu befähigen. „Liebe“ im erzieherischen Tun heißt im Sinne Don Boscos, den jungen Menschen mit Güte und Liebenswürdigkeit zu begegnen. Diese Grundhaltung wird auch in dem ihm zugeschriebenen Zitat „Nicht mit Schlägen, sondern mit Güte werdet ihr ihre Herzen gewinnen“ deutlich. Der Erzieher soll dem jungen Menschen Vater, Bruder und Freund zugleich sein, ihm ein familiäres Umfeld bieten und eine Atmosphäre des Vertrauens schaffen. Die dritte Säule des pädagogischen Konzeptes Don Boscos ist die „Religion“. Es ging ihm darum, dem jungen Menschen den Glauben als Lebenshilfe und als frohmachende Botschaft zu vermitteln. Das Vertrauen in das Leben und in Gott als ständigem Begleiter soll den jungen Menschen in seinem ganzheitlichen Wachstum fördern und ihm zu einem gelingenden Leben verhelfen.
Jede Form von Gewalt, Missbrauch oder religiösem Druck verstößt gegen diese drei genannten Grundprinzipien und damit gegen das, was die Salesianer und ihre haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter in ihrer Arbeit mit jungen Menschen vermitteln sollen.
Durch die Vorwürfe, die in den letzten Wochen an die Ordensgemeinschaft herangetragen wurden, kristallisieren sich für die Aufarbeitung drei Schwerpunkte heraus, die sowohl für die Vergangenheitsbewältigung als auch für zukünftige Präventionsmaßnahmen zu berücksichtigen sind: körperliche Gewalt, sexueller Missbrauch und religiöser Druck.
I) körperliche Gewalt
Viele Opfer berichten über körperliche und psychische Gewalt, besonders in den 1950er und 1960er Jahren. In den Berichten der Opfer ist z.B. die Rede von Schlägen mit Stöcken als Bestrafung für kleinste Verfehlungen oder sogar aus purer Willkür. Die beschriebenen Verhaltensweisen der damaligen Erzieher sind heute nicht im Geringsten verständlich und nicht akzeptierbar. Dr. Günter Schatz, Professor für Pädagogik an der KSFH München, sieht diese Form von Gewalt in der Erziehung in einem zeitlichen Kontext: „Diese pädagogische Situation kann als eines der dunklen Kapitel der Pädagogik nach dem 2. Weltkrieg bezeichnet werden. Da war man konfrontiert mit Erziehungspersonen, die, geprägt von Kriegserfahrungen und oftmals ohne zureichende pädagogische Grundbildung, sich mit der nächsten Generation auseinander zu setzen hatten, die nicht so funktionieren wollte, wie man sich das vorstellte.“ In vielfacher Hinsicht erinnern die Ausführungen der betroffenen Ehemaligen aus den salesianischen Einrichtungen an die Ergebnisse des Zwischenberichts des Runden Tisches „Heimerziehung in den 50er und 60er Jahren“. Prof. Schatz drückt dies so aus: „Die ‚Behandlung’ der Opfer in den verschiedensten Heimen ist auf das Schärfste zu verurteilen; die Geschehnisse sind jedoch gleichzeitig ein gesellschaftliches Zeichen der Akzeptanz der Gewalt der Erwachsenen über die Kinder.“
II) sexueller Missbrauch
Die Opferschilderungen über sexuellen Missbrauch sind erschütternd und lassen allenfalls erahnen, was die betroffenen Kinder und Jugendlichen erleiden mussten und wie sich diese Erfahrungen prägend durch ihr ganzes Leben und das Leben ihrer Familien ziehen. Viele Opfer leiden über eine lange Zeit – manche ihr ganzes Leben – an den Missbrauchserfahrungen und tragen teils schwere körperliche und seelische Schäden davon.
„Sexueller Missbrauch ist fast überwiegend eine Tat im sozialen Nahfeld und ist mit großer Häufigkeit im Umfeld der Familie vorzufinden“, so Prof. Schatz. Sexueller Missbrauch taucht daher auch da leicht auf, wo familienähnliche Strukturen, geschlossene Systeme oder enge Arbeitsbereiche, wie beispielsweise in Heimen oder Internaten, vorzufinden sind. „Da, wo man eng zusammen lebt, wo Erzieher im selben Wohntrakt leben und dort ein- und ausgehen, besteht eine erhöhte Gefahr sexueller Übergriffe, wenn diese nicht durch institutionelle Rahmenbedingung verhindert werden“, so Schatz weiter. Die Situation in den Heimen der 50er- und 60er-Jahre mit geringem pädagogischen Fachpersonal und oftmals fehlenden Kontrollinstanzen machte es potenziellen Tätern leicht, Kinder und Jugendliche sexuell zu missbrauchen. Hinzu kommt, dass das Erkennen von Pädophilie und ein entsprechender Umgang mit dieser Krankheit aufgrund fehlender wissenschaftlicher Erkenntnisse in früheren Jahrzehnten noch schwieriger waren als heute.
Ähnliche Umstände galten auch für Einrichtungen der Salesianer Don Boscos. So glaubten Verantwortliche, mit der Versetzung eines auffällig Gewordenen oder eines Täters und dessen Versprechen zur Besserung würde ein weiterer Einsatz in der Arbeit möglich sein und der Mitbruder könnte geheilt werden. Nach heutigen Erkenntnissen gilt Pädophilie als nicht heilbar; Einschätzungen aus damaliger Zeit, Personen, die sich Übergriffen schuldig gemacht haben, weiterhin in der Arbeit mit Kindern und Jugendlichen zu beschäftigen, müssen aus heutiger Sicht als fatale Fehlentscheidungen bewertet werden.
III) religiöser Druck
Aus manchen Opferberichten wird deutlich, dass sich Gewalt im damaligen
Erziehungssystem häufig auch in religiösem Druck und Zwang äußerte (z.B. in täglichen langen Gebetsübungen, die für alle verpflichtend waren und deren Besuch mit zum Teil harten Strafen durchgesetzt wurde). Damit wurde ein Vorgehen legitimiert oder entschuldigt, das vielen jungen Menschen die Möglichkeit entzog, einen gütigen und barmherzigen Gott zu erfahren. Übertriebene religiöse Übungen und die Vermittlung eines angstbesetzten Gottesbildes führten dazu, dass sich eine Reihe geschädigter Ehemaliger mit dem Verlassen der Einrichtung zugleich von Kirche und Glaube distanzierten. Es wurde, so müssen wir heute leider feststellen, in verschiedenen Einrichtungen versäumt, den jungen Menschen die Freude am Glauben und seine lebensbejahende Dimension zu vermitteln.
Nicht zuletzt an diesem Punkt wird deutlich, dass die damalige pädagogische und religiöse Praxis aus heutiger Sicht nicht immer dem Wohl und Recht der jungen Menschen Rechnung getragen hat.
Konsequenzen für die Arbeit in den Einrichtungen der Salesianer Don Boscos
Bereits seit 2003 wurde mit der Ernennung von Prof. Dr. Günther Schatz ein Beauftragter für aktuelle Fälle von sexuellem Missbrauch eingesetzt. In den salesianischen Einrichtungen wird seitdem auf der Grundlage der Leitlinien der Deutschen Bischofskonferenz zum Umgang mit Fällen von sexuellem Missbrauch eine „Kultur des Hinschauens“ gefördert. Eine aktuelle Umfrage bei den ordenseigenen Einrichtungen zeigt darüber hinaus eine Reihe von Maßnahmen, die in den letzten Jahren weiterentwickelt wurden. Dies ist umso selbstverständlicher, da die Salesianer Don Boscos eine Ordensgemeinschaft sind, die sich weltweit auch und gerade um Kinder und Jugendliche kümmert, die Opfer von sexuellem Missbrauch geworden sind.
Wer in die Ordensgemeinschaft eintreten möchte oder als Mitarbeiter oder
Mitarbeiterin bei den Salesianern tätig wird, benötigt grundsätzlich ein polizeiliches Führungszeugnis. Neben der fachlichen Kompetenz wird bei Einstellungsgesprächen und in der Probezeit bzw. bei der Vorbereitungsphase auf den Ordenseintritt besonders auch auf die persönliche Reife und soziale Kompetenz geachtet.
Zukünftig werden die Präventivmaßnahmen noch intensiviert. Mit der Benennung einer Vertrauensperson in jeder salesianischen Einrichtung haben Gefährdete einen unmittelbaren Zugang zu einem Ansprechpartner/einer Ansprechpartnerin vor Ort. Weiterhin wird in pädagogischen Teamsitzungen, in Supervisionen und bei Konferenzen das Thema Missbrauch und Misshandlung regelmäßig reflektiert und für einen offenen Umgang mit der Thematik sensibilisiert, auch um den Mitarbeiter/innen Sicherheit im rechten Umgang mit den jungen Menschen zu geben. Durch ganzheitliche Bildungsangebote ist die Thematik in den pädagogischen Alltag der Jugendlichen eingebunden. Damit soll den Jugendlichen selbst die gegenseitige Achtung und ein wertschätzender Umgang miteinander sowie mit der eigenen Sexualität vermittelt werden. Ganzheitliche Bildungsangebote in den Einrichtungen der Salesianer Don Boscos fördern die Erziehung und Bildung junger Menschen im Sinne des christlichen Menschenbildes. Als Grundlage für die Arbeit aller Salesianer Don Boscos, Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gelten die Leitlinien „Arbeiten im Geiste Don Boscos“.
(pm, 31.3.2010)