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“Ein Sprungbrett, um im Leben Fuß zu fassen”

Veröffentlicht am: 14. April 2009
“Ein Sprungbrett, um im Leben Fuß zu fassen”

Heilig sein heißt, dort unser Bestes zu geben, wo Gott uns hinstellt. Der heilige Johannes Bosco hat mit seinem Leben für Jugendliche in Not diese Maxime in die Tat umgesetzt. Er war Jugendapostel von Turin, Pädagoge, Zauberkünstler, Schriftsteller, hatte Fähigkeiten als Schreiner und Schuster, war Sozialarbeiter und begeisterter Priester. Am 1. April 1934, vor genau 75 Jahren, sprach Papst Pius XI. den Ordensgründer heilig. Wie sein Werk heute weiterlebt – ein Besuch im Münchener Salesianum, einem der größten Jugendwohnheime Deutschlands.
MÜNCHEN / Mit diesem Anruf hatte er nicht gerechnet. Gerade einmal vier Bewerbungen hatte Stephan Rosche geschrieben, als das Telefon klingelte und eine freundliche Dame mit bayerischem Dialekt ihn aus dem Ruhrgebiet nach München einlud. Einen ersten Einstellungstest hatte der damals 21-Jährige da schon hinter sich gebracht. Über 2.000 Bewerber hatten sich auf die gut 30 freien Ausbildungsplätze in dem Münchener Medienunternehmen beworben. Jobs in dieser Branche sind heiß begehrt. Ein persönliches Gespräch folgte. Dann ein weiterer Anruf: “Sie haben den Job”, gratulierte die Dame am Telefon. Stephan überlegte nicht lange und sagte zu. “Das war genau das, was ich machen wollte. Und es war nach einer Phase der Orientierungslosigkeit und eines auf gut Glück angefangenen und dann wieder abgebrochenen Studiums endlich eine Zukunftsperspektive und Chance”, erinnert sich der 22-Jährige.
Montagnachmittag, kurz vor fünf. Feierabend im Münchener Salesianum, einem der größten Jugendwohnheime Deutschlands. Jugendliche und junge Erwachsene, alle zwischen 16 und 22 Jahre alt, trudeln nach und nach – je nach Arbeitsschicht – in ihren Gruppen ein. Aus den Zimmern dringt laute Musik – Techno, Hip-Hop und andere Töne mischen sich ins monotone Brausen der Duschen im Gemeinschaftsbad. Im Billardraum werden die ersten Kugeln eingelocht und auf dem großen Sportplatz die letzten Körbe versenkt, bevor die Sonne endgültig untergeht.
Am großen Esstisch in der Gruppenküche im ersten Stock serviert Erzieher Robert Mayr seinen Jungs eine kräftige Brotzeit. Die Erlebnisse vom Wochenende werden besprochen. Zeit zum Entspannen. Zeit, um die Probleme in der Gruppe anzusprechen. Und vor allem Zeit, um mal richtig Dampf abzulassen. Über die Freundin, die am Wochenende mal wieder keine Zeit hatte. Über den Chef, der einen anmotzt, nur weil man mal fünf Minuten zu spät kommt, obwohl man sowieso schon zig Überstunden macht. Oder auch über den Bettnachbarn, der bis in die Puppen vor dem Computer hockt.
Die Freiheit genießen und selbständiger werden
Stephan ist heute nicht dabei. Er hat Spätschicht und wird erst gegen Mitternacht ins “Sales” zurückkehren. Als er vor gut einem halben Jahr hier einzog, war er skeptisch. Wohnen in einem Jugendwohnheim, noch dazu mit Erziehern und Ordensleuten? “Ich hatte Angst vor ständiger Kontrolle wie auf einer Klassenfahrt. Ich wollte ein bisschen meine Freiheit genießen und vor allem selbstständiger werden”, erinnert sich der 22-Jährige und lacht.
Seine Bedenken sind längst ausgeräumt. Heute ist er dankbar für die Chance, die ihm die Salesianer Don Boscos geben. Für sein kleines Ausbildungsgehalt hätte er sich in München kaum eine eigene Bude leisten können. Weiter abhängig von Mamas und Papas Geldbeutel, so wie viele andere seiner Kollegen, wollte er aber auch nicht sein. Doch es waren nicht nur finanzielle Gründe, die für das “Sales” sprachen. “Ich war von Anfang an von dem Haus und seinen Möglichkeiten begeistert”, erzählt Stephan.
Der Abschied von zu Hause fiel ihm schwer. “Ich bin ein totaler Familienmensch und hatte und habe immer ein super Verhältnis zu meinen drei Geschwistern und meinen Eltern”. Der Gedanke, in einer fremden Stadt und noch dazu allein zurechtkommen zu müssen, beschäftige den angehenden Mediengestalter. “Die Selbständigkeit habe ich mir schon zugetraut, aber um soziale Kontakte zu knüpfen und sich zunächst voll auf seine Ausbildung konzentrieren zu können, ist das ,Sales‘ ideal”, sagt der Auszubildende.
Stephan ist einer von über 400 Jugendliche, die zur Zeit im Salesianum leben. Die meisten von ihnen haben in der Heimat keine Lehrstelle gefunden und müssen sich fernab der Familie ein Zuhause auf Zeit einrichten. Die Fremde, München, würden viele lieber heute als morgen wieder gegen die eigenen vier Wände in der Heimat eintauschen.
“Gerade deswegen geht es uns vor allem darum, den Jugendlichen nicht nur ein Dach über dem Kopf zu bieten, sondern sie auch menschlich zu begleiten, ihnen Hilfestellung zu geben, für sie da zu sein, wenn sie Probleme haben oder sie aufzufangen, wenn sie einfach mal kein Bock mehr haben oder jemanden zum Reden brauchen”, sagt Pater Stefan Stöhr, der seit gut acht Monaten das Jugendwohnheim im Münchener Stadtteil Haidhausen leitet.
Jugendlichen zu einem gelingenden Leben verhelfen
Angebote, die eine Einrichtung in der Tradition Don Boscos auch 150 Jahre nach der Entstehung seines großen Jugendwerks kennzeichnen. Jungen Menschen “Vater, Bruder und Freund” zugleich sein, das wollte Don Bosco. Ihnen zu einem gelingenden Leben verhelfen, sie auf ihrer nicht immer einfachen Suche nach Glück, Sinn und Zukunft begleiten, ihnen eine Heimat geben, die Freizeit mit ihnen teilen und sie in den großen und kleinen Sorgen auf dem Weg zum Erwachsensein begleiten, das war sein Programm.
Als sich Stephan Rosche an diesem Abend von der Arbeit auf den Weg nach Hause macht, freut er sich auf ein bisschen “Alleinsein” in seinen eigenen paar Quadratmetern. Sein Zimmer muss sich der gebürtige Essener nur mit seiner Gitarre und ein paar bunten Poster-Helden teilen. Auf der einen Seite schaut Jimi Hendrix von der Wand. Er sei so etwas wie ein Idol und erinnere ihn an die Heimat, sagt Stephan. Zu Hause im Ruhrgebiet habe er in einer Band gespielt, erzählt er stolz. Deswegen sei er auch oft mit Freunden im Bandraum des “Sales” anzutreffen.
“Meine gesamte Ausbildungszeit werde ich wahrscheinlich nicht hier verbringen. Ich sehe das Salesianum als eine Art Sprungbrett, um in München Fuß zu fassen, soziale Kontakte zu knüpfen, gut in die Ausbildung zu starten und mir mein eigenes Leben aufzubauen”, sagt der 22-Jährige selbstbewusst. In ein, vielleicht zwei Jahren will er sich eine eigene Wohnung nehmen, seine Ausbildung abschließen, arbeiten gehen und irgendwann eine Familie gründen. Stephan arbeitet an seinem Lebenstraum. Das “Sales” ist für ihn der erste Schritt.
Wenn man heute von Heiligen spricht, dann kommt häufig die Frage nach ihren Wundern auf. Aus dem Leben Don Boscos werden verschiedene außergewöhnliche Ereignisse berichtet, die sich auf natürliche Weise schwer erklären lassen. Das größte Wunder aber ist es vielleicht, dass sich sein Werk weiterentwickelt hat und dass heute Salesianer Don Boscos, Don Bosco Schwestern und Salesianische Mitarbeiter auf der ganzen Welt nach den Methoden Don Boscos mit Freude und Optimismus unter der Jugend arbeiten. Für Stephan und rund 16 Millionen andere junge Menschen, die heute weltweit in Einrichtungen des Ordens betreut werden, sind sie ein Glücksfall.
Bild: Stephan Rosche (22) fand in München eine Lehrstelle – und dank der Salesianer Don Boscos ein neues “Zuhause auf Zeit”. Im Jugendwohnheim Salesianum fühlt er sich rundum wohl.
(Text und Bild: Katharina Hennecke)

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