Mittwochs lockt die Manege
Bamberg, 24. Mai 2011 - Im „Zirkus Giovanni“ treffen sich regelmäßig an einem Abend in der Woche Hobby-Artisten und Profis zum gemeinsamen Training. Auch ein Pater jongliert gerne mit.
Sie verdienen ihr Geld in den unterschiedlichsten Berufen als Psychologen, Ärzte, Diplom-Ingenieure, Ernährungsberater, Restauratoren, Altenpfleger, Lehrer und Hebamme. Aber an jedem Mittwochabend frönen sie einer gemeinsamen Leidenschaft, der Zirkusartistik. Dann treffen sich 20 bis 30 Leute im Zelt der Salesianer Don Boscos am Bamberger Teufelsgraben und trainieren, nebeneinander und miteinander. „Der Mittwoch ist gesetzt“, sagt Alexander Schiller alias „Xelo“. Er ist neben Schorsch Bross Mitbegründer dieses wöchentlichen Treffens und der zweite Profi im Zelt. Alle anderen sind Freizeit-Künstler, aber so gut, dass sie im Januar mit einer „Bavarian Night“ über 1000 Zuschauer in das Zelt des „Zirkus Giovanni“ lockten und bei ihnen wahre Begeisterungsstürme auslösten.
Was steckt hinter diesem Erfolg? Eine tolle Trainingsstrategie? Bestens organisierter Unterricht? Eine Organisation aus dem Effeff? Nein, es ist ein anderes Erfolgsmodell, wie ein Besuch beim „Mittwochs-Variete“ zeigt: freies Training nach dem Motto „Profis helfen Laien“.
Von wegen gemeinsamer Beginn oder gar Trainingspläne. Kreativität und Flexibilität sind angesagt. Nach dem Jugendtraining trudeln ab 19.00 Uhr die „Mittwochstrainierer“ ein, bringen ihre Requisiten mit und reden erst einmal über „Gott und die Welt“ Im Lauf des Abends kommen 20 bis 30 Frauen und Männer zusammen, plaudern und trainieren miteinander.
„Das Spaßhaben und das Kommunizieren“ stehen für Sara Wunderer im Vordergrund. Die Südtirolerin ist nach dem Studium in Bamberg „hängen geblieben“ und arbeitet jetzt als Sozialpädagogin mit Schwerpunkt Zirkuspädagogik beim Jugendwerk Don Bosco. Die „Hausherrin“ bekräftigt, es gebe für die Mittwochs-Artisten keinen Druck und kein exaktes Ziel. Die jüngsten Auftrittserfolge hätten aber die Motivation sehr gesteigert. Nicht nur, wenn er gerade mitten in der Zirkusmanege zusammen mit Felix Engelmann und Urs Holzmeister die Keulen fliegen lässt, ist Schorsch Bross der wohl wichtigste Bezugspunkt beim Mittwochs-Training. „Das Niveau ist gleich“ stellt er fest: „Es gibt kein gut oder schlecht, alle lernen und bücken sich, der eine halt mit drei, der andere mit sieben Bällen.“
Es passt ins Bild, dass auch zwei Anfänger mitüben. Der 46jährige Musiklehrer aus Pautzfeld hat gerade einen VHS-Jongleur-Kurs hinter sich und sucht Anschluss, Henning Behrends traf „Xelo“ im Hain und bekam von ihm den Tipp, doch mal mittwochs ins Zirkuszelt zu kommen. Der Student ist von der „entspannten Atmosphäre“ begeistert und zieht seine Diabolo-Übungen durch.
Gegen 20 Uhr erscheint Salesianer-Pater Philipp Weißhaar mit seinen Kristall-Sticks. „Ich staune immer wieder, was hier los ist“, sagt der 81jährige und freut sich über die „klasse Privat-Vorführungen“. Dann beginnt er mit seiner gut 60 Minuten dauernden Kontakt-Jonglage: „Das ist gut für die Konzentration und macht den Kopf frei!“ Infiziert mit dem „Jonglier-Virus“ hat sich der Ordensmann 1996 in den USA bei einem Zirkusfestival.
Während Schorsch Bross seine zwei Keulen-Mitstreiter vorantreibt („super, Jungs“) versucht Daniela Zintl mit ihrer Hut-Nummer weiterzukommen. „Diese Art des Trainings ist ideal. Jeder kann etwas anderes. Wenn man einen Trick verraten bekommt, geht alles leichter. Wo hat man dieses gegenseitige Weiterhelfen in dieser Form schon?“ fragt die Hobby-Artistin.
Mittlerweile bugsiert Schorsch Bross auf dem Hochrad einen Besen auf der Stirn und lässt Ringe fast bis ans Zirkusdach fliegen. Irgendwann muss sich aber auch der Profi bücken – da ergeht es ihm nicht anders als den Anfängern oder dem Pater.
Bleibt die Frage: „Warum kommt Profi „Xelo“ eigentlich zum Mittwochs-Training? „Natürlich kann man auch zu Hause trainieren, aber die Atmosphäre hier ist unvergleichbar“, antwortet Schiller, der neun Jahre auf Tournee war und sich eigentlich beruflich bedingt auf seine Shows konzentriert.
Einige der Mittwochs-Leute planen im August übrigens einen größeren Auftritt: sie wollen bei einem internationalen Jonglierfestival in der Münchner Olympiahalle mitmachen.
(Fränkischer Tag, 24.05.2011)