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Provinzkapitel 2010 - Dr. Wunibald Müller: Verschwiegene Wunden anschauen

Veröffentlicht am: 26. Mai 2010
Provinzial P. Grünner, Dr. Wunibald Müller

Das Provinzkapitel der Salesianer Don Boscos in Benediktbeuern stellte sich am Dienstagnachmittag und -abend den seit dem Aschermittwoch 2010 öffentlich geworden Vorwürfen von sexuellem Missbrauch und Gewalt. Die Salesianer haben seither mit Hilfe einer Arbeitsgruppe aus internen und externen Mitgliedern versucht, sich dieser Situation offen zu stellen. Nach mehreren Zwischenberichten der Arbeitsgruppe stellte Provinzial P. Josef Grünner den Kapitularen im zweiten Teil seines Berichts die Entwicklung in den letzten Monaten vor, sprach über die vorgesehenen Hilfen für die Opfer und den Umgang mit den Tätern und die bereits begonnenen und angedachten Schritte der Aufarbeitung. Es würden sich heute für die Ordensgemeinschaft sehr grundsätzliche und existentielle Fragen stellen, mit denen man erst am Anfang stehe. Es sei nicht mit einigen konkreten Maßnahmen getan, sondern brauche einen langen Weg der gemeinsamen Suche.

Um für diese Suche Orientierung zu bekommen, hatte der Provinzial den Theologen, Psychologen und Psychotherapeuten Dr. Wunibald Müller eingeladen. Er ist derzeit Leiter des Recollectio-Hauses der Abtei Münsterschwarzach und sowohl wissenschaftlich als auch aus seiner eigenen therapeutischen Erfahrung mit Tätern und Opfern heraus seit langem ein viel gefragter Impulsgeber für einen verantwortlichen Umgang mit sexuellem Missbrauch und sexualisierter Gewalt. Unter dem Titel „Verschwiegene Wunden“ sprach er über Maßnahmen, um hellhöriger für Missbrauch zu werden. Er berichtete über die Entwicklung von reifer und unreifer sexueller Identität, von kindlichen Interessen und Verhaltensweisen pädophiler Menschen und über die Risikofaktoren, die dazu beitragen können, dass sie zum Täter werden. Er zeigte ihre Defizite im Bereich der Beziehungsfähigkeit und der Erfahrung von Intimität auf. Von dieser Analyse ausgehend entwickelte er die Herausforderungen für die Ordensgemeinschaft. Es gelte, die Motive derer zu prüfen, die in die Gemeinschaft eintreten wollen; aber auch, sich der dauerhaften, persönlichen und gemeinschaftlichen Aufgabe der Befähigung zu einer vielfältigen Intimität zu stellen. Die Gemeinschaft und ihre Mitglieder müssten nicht vorrangig „funktionieren“, sondern eine echte Gemeinschaft als „Heimat“ leben, in der es auch möglich ist, offen über Sorgen, Freuden und auch über Sexualität zu reden. Wunibald Müller gab viele Hinweise zum verantwortungsvollen Umgang mit den Opfern, den Minderjährigen als primären Opfern, aber auch den sekundären Opfern, also den Familienangehörigen der Opfer, den Angehörigen der Täter und im Kontext der Ordensgemeinschaft auch den Mitbrüdern.

Auch die anschließende Aussprache unterstrich noch einmal, dass die traurige und beschämende Situation für die Ordensgemeinschaft auch eine Chance bietet zur Vertiefung der Ordensidentität und zu mehr Prävention im umfassenden Sinne, sowohl im Blick auf die pädagogischen als auch auf die mitbrüderlichen Beziehungen.

Am Abend versammelten sich die Kapitulare in der Hauskapelle zu einem Buß- und Bittgottesdienst für die Opfer von Missbrauch und Gewalt, um das Schuldigwerden innerhalb der Ordensgemeinschaft einzugestehen und vor Gott hinzutragen, sich neu zur Pädagogik Don Boscos zu bekennen und Gottes Kraft und Segen zu erbitten.

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