Schulstart – Auch für Kinder in Haiti

Veröffentlicht am: 02. September 2010

Philippe steht vor seiner Werkbank, einen Zollstock in der Hand, und schaut stolz auf die 15 kleinen Schulbänke, die vor ihm stehen. „Für einen Klassenraum reicht das noch nicht, aber bis die Schule im September wieder beginnt, bekommen wir noch so einige Bänke fertig“, erklärt er optimistisch. Die Schreinerei mitten in Port-au-Prince ist keine gewöhnliche Schreinerei. „Sie ist unser Klassenzimmer und unsere Werkstatt“, sagt Philippe. Eine typische Ausbildungswerkstatt der Salesianer Don Boscos eben. Allerdings nicht ganz, meint er: „Das Erdbeben hat unser komplettes Ausbildungszentrum zerstört. Wenige Monate danach wurden diese Holzbauten aufgestellt, damit der Unterricht wieder beginnen konnte.“ Eigentlich hat er gerade Ferien, aber er hilft seinen Ausbildern, damit die Schüler nach den Ferien wieder in richtigen Bänken sitzen können. Es sind, wie er, ehemalige Straßenkinder und Jugendliche aus dem angrenzenden Elendsviertel Cité Soleil, die die Don Bosco Schulen und Ausbildungszentren besuchen.
Philippe hat vor zwei Jahren den Ausbildungslehrgang zum Schreiner begonnen. Seine Eltern leben auf dem Land, drei Stunden von Port-au-Prince entfernt. „Sie hatten nicht genug Geld, um mich und meine fünf Geschwister zu ernähren. Deshalb musste ich sie vor einigen Jahren verlassen, um mir Arbeit zu suchen. Gelandet bin ich dann auf den Straßen von Port-au-Prince, wo ich mich so durchgeschlagen habe. Bis ich die Salesianer kennenlernte und im Straßenkinderzentrum Lakay ein neues Zuhause fand.“ Gemeinsam mit den Sozialarbeitern nahm er auch wieder Kontakt zu seinen Eltern auf, die er heute regelmäßig besucht.
Über das, was er bei dem Erdbeben erlebte, spricht Philippe nicht gern. Er war gerade in der Schule. Er sah, wie um ihn herum die Wände zusammenbrachen und seine Schulkameraden verschütteten. „Ich hatte Todesangst und dachte, das ist das Ende der Welt.“ Er selbst konnte sich retten. Salesianerpater Lephène, der Leiter des Straßenkinderzentrums, und eine Lehrerin blieben mit ihm und den anderen Jungs in Lakay. Schon wenige Tage nach dem Erdbeben begannen sie mit verschiedenen Freizeitaktivitäten. „Alles war zerstört. Es gab keine sicheren Gebäude mehr, keine Schulbänke, keine Stifte. Aber die beiden sangen und spielten mit uns. Wir haben sogar ein Theaterstück eingeübt in diesen Tagen.“
Schon wenige Wochen nach dem Erdbeben startete auch wieder der Unterricht. Nicht in einem Schulgebäude, sondern in Zelten und auf dem Innenhof. Stifte, Blöcke, Lineale und was man sonst noch so braucht zum Rechnen, Lesen und Schreiben trafen bald ein, finanziert auch von Spendern aus Deutschland. „Nach einer solchen Katastrophe ist es ganz wichtig, dass wieder Normalität eintritt. Der Unterricht ist wie eine Therapie. Die Kinder und Jugendlichen brauchen Beschäftigung, sie brauchen Struktur und Alltag. Das lässt sie Hoffnung schöpfen“, so Pater Lephène.
Mit seinen 60 Mitbrüdern in Haiti setzt er sich ganz für Straßenkinder und junge Menschen aus mittellosen Familien ein. Allein im Straßenkinderzentrum Lakay leben zurzeit 125 Jugendliche. „Seit über 70 Jahren sind wir in Haiti für junge Menschen da. Das wird auch in Zukunft so bleiben. Deswegen setzen wir nun alles daran, die zerstörten Gebäude so bald wie möglich wieder aufzubauen“, so Lephène. In wenigen Wochen schon werden die ersten Grundsteine für den Wiederaufbau einer Grund- und Sekundarschule gelegt.
Mitte September werden sich die Klassenräume der Don Bosco Zentren in Haiti wieder füllen. Auch Philippe wird dann wieder den Unterricht besuchen. Aber nicht mehr lange, wie er betont: „Nächstes Jahr beende ich meine Ausbildung, wenn alles gut läuft. Dann suche ich mir einen Job. Gerade Handwerker werden jetzt gebraucht. Und damit werde ich meine Familie unterstützen, die jetzt mehr denn je darauf angewiesen ist.“