Vom Auszubildenden zum Ausbilder

Veröffentlicht am: 18. Dezember 2020

Würzburg – Eigentlich hat Chris Keller an seine Schulzeit nur gute Erinnerungen. „Von meinen Lehrern habe ich durchaus Wertschätzung erfahren“, erinnert er sich an die neun Jahre Schule in Karlstadt, die er vor rund 20 Jahren abschloss. Als gebürtiger Arnsteiner hat er allerdings unangenehme Erinnerungen an das tägliche Pendeln zur Schule: Mit ihm im Bus saßen ausschließlich Kinder und Jugendliche, die auf die „höhere Schule“ gingen. Chris Keller war einer von wenigen, die aufgrund ihrer Lernschwierigkeiten die Förderschule, damals noch „Sonderschule“ genannt, besuchten.

„Ich habe mir viele blöde Sprüche und Hänseleien anhören müssen“, erinnert sich der Ausbilder des Würzburger Caritas-Don Bosco-Bildungszentrums. Allerdings bekam er während der täglichen Busfahrten auch mit, dass vor allem die Gymnasiasten sehr unter dem Leistungsdruck und der Erwartungshaltung ihres Elternhauses litten. „Zur Schule bin ich eigentlich immer gerne gegangen“, erinnert sich der 37-Jährige.

„Vor allem, als plötzlich mein Talent für Mathematik entdeckt wurde.“ So durfte er in eine anspruchsvollere Gruppe wechseln und häufiger seinem großen Hobby, der Elektronik, nachgehen. „Schon als Sechsjähriger habe ich mein Kinderzimmer verkabelt, Schaltkreise gebaut, Blinklichter und Alarmanlagen installiert oder Videorekorder zerlegt“, erzählt der Technik-Freak.

Ein harter Berufseinstieg

Nach einem Berufsfindungsjahr an der Würzburger Kolping-Akademie startete er um die Jahrtausendwende seine Ausbildung zum „Elektrogerätezusammenbauer“ beim Caritas-Don Bosco-Bildungszentrum. „Nie und nimmer hätte ich damals gedacht, dass ich ´mal als Ausbilder an den Schottenanger zurückkehre“, schüttelt er noch heute erstaunt den Kopf.

Trotzdem fiel er seinen damaligen Ausbildern bereits positiv auf. „Wegen meines Interesses für Elektronik konnte ich vom ersten Tag an etwas mehr als die anderen Auszubildenden“, erinnert er sich. Prompt war er der Erste in der Historie des Bildungszentrums, der die auf drei Jahre verkürzte Ausbildung zum „Nachrichtengerätemechaniker“ anhängte und mit Bravour bestand.

Die nächsten Berufsjahre waren dann nicht wirklich das Gelbe vom Ei. Nach gefühlt 100 Bewerbungen und genauso vielen Absagen begann er nach einem knappen Jahr Arbeitslosigkeit als Mitarbeiter im Hi-Fi-Bereich. Er installierte Audioanlagen in Autos oder SAT-Schüsseln in Wohnhäusern. Als die Förderung des Arbeitsamtes auslief, wurde er entlassen.

Nach seiner Bundeswehrzeit fand Chris Keller 2004 eine Stelle in einem Unternehmen für Windräder. Zuständig für die Inbetriebnahme, Wartung und Reparatur, war er 17 Jahre lang als Experte für Windräder unter anderem in Deutschland, Frankreich und Kroatien unterwegs. „Ein toller Job, aber körperlich sehr fordernd“, lautet sein heutiges Fazit.

Zurück am Schottenanger

Durch seinen ehrgeizigen Plan, nebenberuflich den Industriemeister in der Fachrichtung Elektrotechnik zu absolvieren, findet er zurück zum Caritas-Don Bosco- Bildungszentrum. Der ehemalige Auszubildende übernimmt 2019 am Würzburger Schottenanger die Leitung der Ausbildung im Elektrobereich. Dort bildet er heute rund 20 Teilnehmende aus. In Kürze werden die ersten Industrieelektriker ihre Prüfung ablegen. „Der Beruf des Industrieelektrikers ist wesentlich anspruchsvoller als meine damalige Ausbildung“, erklärt Chris Keller und ist sicher: „Das ist gut so, denn die Absolventen sind selbständiger und haben sehr gute berufliche Perspektiven“.   

„Es ist toll, dass ich von dem, was ich selbst erlebt habe, etwas an die Auszubildenden weitergeben kann“, beschreibt er seine heutige Motivation als Ausbilder. Seine Auszubildenden wissen um seine Zeit als „Ehemaliger“ im Bildungszentrum. Das hat durchaus Vorteile: „Das Argument, ,Ich habe nur einen Hauptschulabschluss‘ zählt bei mir nicht,“ berichtet er von der Glaubwürdigkeit, die er bei den Auszubildenden genießt.

Zudem freut es ihn sehr, dass der Zusammenhalt unter seinen Teilnehmenden besonders ausgeprägt ist. „Es bilden sich freiwillige Lerngruppen und es existiert ein echtes Wir-Gefühl“, sagt er über die intakte „Chemie“ unter seinen Auszubildenden. Die Chemie ist so gut, dass kürzlich zwei Teilnehmer bei der IHK als Prüfungsbeste ihres Ausbildungszweigs abgeschnitten haben.

Am Ende seiner beruflichen Karriere sieht sich der frischgebackene Meister übrigens noch lange nicht. „Ich will mich noch in Automatisierungs- und Steuerungstechnik fortbilden und dieses Know-how an unsere Teilnehmenden weitergeben“, schmiedet er schon wieder Zukunftspläne.

Text und Foto: Marcus Meier