Die ernste Generation

2019 Wolf Zukunft

Bonn/Berlin – Jugendliche zwischen 14 und 17 Jahren sind offenbar ernster als frühere Generationen - sowohl ernsthafter als auch besorgter. Das geht aus der aktuellen Sinus-Jugendstudie hervor. Besonders beschäftigen Jugendliche demnach die Herausforderungen durch die Corona-Pandemie und die Klimakrise. Bei beiden Themen fühlten sich viele Befragte nicht ernstgenommen, hieß es. Viele Jugendliche berichten demnach von einem Gefühl der Macht- und Einflusslosigkeit. Sie beklagten eine fehlende Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen. Pauschales „Politikerbashing“ sei dennoch selten, so die Autoren der Studie. Der jugendliche Zeitgeist sei „grün und bewahrend“.

Soziale Verantwortung

Als wichtige Werte bezeichneten die Jugendlichen etwa Solidarität, Fairness und Gerechtigkeit, Demokratie und Meinungsfreiheit. So hätten es die meisten als ihre soziale und gesundheitliche Verantwortung betrachtet, die Corona-Krise ernstzunehmen und sich um ihre Mitmenschen zu sorgen. Viele hätten etwa befürchtet, ältere Menschen oder die eigenen Großeltern mit dem Virus unwissentlich anzustecken.

Kritisiert wurde eine verfrühte Wiedereröffnung von Schulen: Hier hätten sich viele Befragte mehr Möglichkeiten zur Mitbestimmung gewünscht. Beklagt wurde darüber hinaus eine „Jeder für sich“-Mentalität in der Gesellschaft. Polarisierung, Hass und Aggression beunruhigten viele Jugendliche. Wichtiger als Status seien ihnen „gute, abgesicherte Lebensverhältnisse“, so die Studie.

Ergebnisse der Sinus-Studie auf einen Blick  
  • Gefühl von Macht- und Einflusslosigkeit
  • Sorgen über Corona-Pandemie und die Klimakrise
  • Jugendliche beklagen eine fehlende Teilhabe an politischen Entscheidungsprozessen
  • der jugendliche Zeitgeist sei „grün und bewahrend“.
  • Wichtige Werte sind Solidarität, Fairness und Gerechtigkeit, Demokratie und Meinungsfreiheit
  • Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Halt und Orientierung
  • Berufswünsche sind „eher bodenständig und realistisch
  • Wichtig ist den meisten eine gute Work-Life-Balance
  • Kirche und Religion spielen bei vielen keine große Rolle
 
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Gute Work-Life-Balance

Zu beobachten sei zudem eine „Sehnsucht nach Zugehörigkeit, Halt und Orientierung“. So fühlten sich Jugendliche in der Schule vor allem dann wohl, wenn sie sozial gut eingebunden seien, gute Beziehungen zu den Lehrkräften hätten und sich am Unterricht beteiligen könnten. Dagegen verlören „Feiern gehen, Fun und Action“ an Bedeutung. Auch die verbreiteten Berufswünsche seien „eher bodenständig und realistisch“; wichtig sei den meisten eine gute Work-Life-Balance mit Zeit für Familie, Freunde und sich selbst.

 

Kirche als Arbeitgeber

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Ein Schwerpunkt der diesjährigen Sinus-Jugendstudie lag auf der Arbeitgeberin Kirche. Dass sie auch Arbeitgeberin ist, stieß demnach bei vielen Jugendlichen auf Verwunderung - vor allem bei den jüngeren und in bildungsfernen Lebenswelten. „Die Kirche gehört nicht unbedingt zum Mindset“, sagte Calmbach. Nur wenige Befragte hätten für sich ausgeschlossen, eines Tages in einer kirchlichen Einrichtung zu arbeiten. Im Unterschied zu anderen Arbeitgebern werde die Kirche bisweilen „als 'überkorrekt' oder 'zu spirituell' wahrgenommen“, hieß es.

Positiv bewerteten die Jugendlichen dagegen die Möglichkeit, bei einer Tätigkeit für die Kirche etwas Sinnvolles zu tun. Sie stellten sich die Kirche zudem als „ehrlicheren“ Arbeitgeber vor, bei dem man stärker in eine Gemeinschaft eingebunden sei als anderswo. Bedingung für einen solchen Job wäre für viele, keine religiösen Vorschriften einhalten zu müssen.

afj-Leiterin Bianka Mohr sieht die Kirchen in dieser Hinsicht herausgefordert: „Wir haben noch eine ganze Menge Hausaufgaben zu machen.“ Offenbar müsse noch deutlicher vermittelt werden, welche Berufe und Ausbildungsangebote es bei der Kirche gebe: „Es geht eben nicht nur um Priester und Gemeindereferentinnen.“ Die Voraussetzungen für Jobs im sozialen Bereich seien etwa weniger hoch, als viele glaubten – und dieser Bereich interessiere viele junge Menschen.

Erforschung von jugendlichen Lebenswelten

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Für die Sinus-Jugendstudie werden alle vier Jahre die Lebenswelten von Teenagern untersucht. Auftraggeber sind unter anderen die Bundeszentrale für politische Bildung (bpb), die Arbeitsstelle für Jugendseelsorge der Deutschen Bischofskonferenz (afj), der Bund der Deutschen Katholischen Jugend (BDKJ) sowie die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung. Die Studie fängt die große soziokulturelle Unterschiedlichkeit von Jugend ein, die für entwickelte und hoch individualisierte Gesellschaften typisch geworden ist und verdichtet sie modellhaft. Wie in den anderen Sinus-Milieumodellen gruppiert dieser Ansatz Jugendliche, die sich in ihren Werten, ihrer grundsätzlichen Lebenseinstellung und Lebensweise sowie in ihrer sozialen Lage ähnlich sind.

Alle vier Jahre werden neue aktuelle Schwerpunkte gesetzt. In der aktuellen Studie (2020) sind dies Politik, Gesundheit, Sport, Berufswahlprozesse und Schule. Sie steht hier gratis zum Download bereit. Die Studie aus dem Jahr 2016 kann hier umsonst heruntergeladen werden. Weitere Informationen zur aktuellen Studie und dem Veranstaltungsangebot finden Sie auch auf der Webseite der SINUS-Akademie.

Text: KNA/www.sinus-institut.de; Foto: Klaus D. Wolf