„Die Pandemie bringt das Beste vieler Menschen ans Licht“

Interview GO-7

In einem Interview mit der spanischen Wochenzeitschrift „Alfa y Omega“ äußerte sich der Generalobere der Salesianer Don Boscos, P. Ángel Fernández Artime, am 9. April zu Themen des Generalkapitels, seiner Wiederwahl und aktuellen Fragestellungen. Auszüge zu einzelnen Themenkomplexen des Interviews veröffentlichen wir hier.

Zu seiner Bilanz nach sechs Jahren als Generaloberer

(…) Trotz der offensichtlich vorhandenen menschlichen Schwächen glaube ich behaupten zu können, dass die salesianische Kongregation heute weiterhin ein sehr lebendiger Teil der Kirche ist und dazu in der Lage, Gemeinschaft mit den kirchlichen Realitäten in den Ländern, in denen wir sind, zu bilden. (…) Wir haben uns von den Ärmsten nicht entfernt, auch wenn die Gegebenheiten auf den fünf Kontinenten sehr unterschiedlich sind. Ich glaube behaupten zu können, dass die Kongregation Jahre einer gelassenen Ruhe durchlebt und sich wünscht, jedes Mal von Gewicht zu sein, wenn es darum geht, vor allem den jungen Menschen und ihren Familien zu dienen.

Zu seiner zweiten Amtszeit als Generaloberer

(…) Natürlich wird die zweite sechsjährige Amtszeit nicht wie die erste sein. Jetzt kenne ich die Kongregation und ihre Präsenzen in 134 Ländern, von denen ich 100 besucht habe, bereits gut. Deshalb ist es eine Chance, bei den wesentlichen Dingen wirksamer zu sein, besonders um die Prozesse, bei denen es notwendiger ist, zu begleiten; eine Gelegenheit, um zu träumen und neue Präsenzen zu eröffnen, vorausgesetzt, dass sie in erster Linie der Evangelisierung und der Erziehung der Ärmsten dienen.

Zu den Erwartungen junger Menschen an die Salesianer Don Boscos

(…) Sie waren sehr überzeugend und klar in ihrer Botschaft. Sie haben uns gesagt, dass sie uns mögen, dass sie die Salesianer lieben und dass sie uns auf ihrem Lebensweg zur Seite haben möchten. Sie haben uns aufgefordert, sie in den Jahren, in denen sie uns nötig brauchen, zu begleiten. Sie haben uns gesagt, dass wir uns umgekehrt von ihnen lieben lassen dürfen. Sie haben uns gebeten, für sie Freunde, Brüder und auch Väter zu sein, denn so stark sie auch sind, „viele junge Menschen weltweit leben mit der Abwesenheit des Vaters. Uns fehlt die Erfahrung der Vaterschaft“. Schließlich haben sie uns in zahllosen Momenten mit Nachdruck gesagt: „Wir brauchen es vor allem, dass Ihr uns noch viel mehr zeigt und sagt, dass Gott uns liebt“.

Interview GO-4
Zu seinem Gespräch mit Papst Franziskus

(…) Als erstes hat mir der Papst eine Botschaft für alle Kapitulare mitgegeben und dann haben wir miteinander am Telefon gesprochen, als er selbst mich angerufen hat. (…) Zweifellos haben wir einen Papst, der alle in der Kirche, jeden Mann und jede Frau guten Willens liebt. Auch wir als Kongregation und Don-Bosco-Familie fühlen uns vom Heiligen Vater willkommen geheißen. Für mich ist es mehr als offensichtlich, dass wir einen Augenblick der Gnade in der Kirche erleben, inmitten von so viel Schmerz und so viel Zerbrechlichkeit, die die Kirche selbst betrifft.

Zu den Leitlinien in den nächsten Jahren

(…) Ich träume davon, dass, wenn man das Wort Salesianer heute auf der Welt und in unseren Gesellschaften hört, die Menschen und zumal die vielen Menschen guten Willens verstehen, dass sie von den Söhnen Don Boscos sprechen, die für die jungen Menschen da sind und leben, die diese wie „verrückt“ lieben, so wie Gott seine Söhne und Töchter liebt, und die mutige und radikale Entscheidungen zu ihren Gunsten treffen.
(…) Für uns Salesianer Don Boscos kann die Sendung für die Jungen und Mädchen, die keine Möglichkeiten haben, die gefährdet sind und abgeschrieben werden, an den unterschiedlichsten Orten auf uns warten. Weil sie uns brauchen, müssen wir sie erreichen.

Zu seinem Traum nach seiner Zeit als Generaloberer

(…) Ja, ich habe klare Vorstellungen darüber, was ich mir wünsche: Ich möchte die zukünftigen Jahre in einer einfachen Umgebung leben, vielleicht an einem Ort der Mission in den Anden oder in einem anderen Gebirge, jedenfalls an Orten der Sendung unter den Ärmsten, unter ganz schlichten Menschen, in einer einfachen Pfarrgemeinde oder in einem salesianischen Jugendzentrum und Oratorium für arme Jungen und Mädchen oder in einem gastfreundlichen Zentrum für Straßenkinder. Das ist mein Traum und ich hoffe, dass es mir erlaubt sein wird, ihn einmal zu leben.

Zur Prävention vor Missbrauch

Der Missbrauch ist sicherlich eine der traurigsten Seiten der Kirchengeschichte. Es ist auch die größte Tragödie und der größte Schaden, den ein Salesianer verursachen kann, weil wir, wie Don Bosco, versprochen haben, dass unser Leben für die jungen Menschen da ist.
Ich kann Euch versichern, dass wir seit vielen Jahren einen ethischen Verhaltenskodex in allen Teilen der Welt, in denen wir uns befinden, festigen und schaffen.
(…) Ich habe unsere Kongregation zu einer radikalen Entscheidung aufgefordert, auf persönlicher, institutioneller und struktureller Ebene zugunsten der bedürftigsten, armen und ausgeschlossenen Jungen und Mädchen. Und auch für die bevorzugte und radikale Option für die Verteidigung der Jungen und Mädchen und der Jugendlichen, die Opfer eines Missbrauchs sind, auch von sexuellem Missbrauch, aber nicht nur: Gewaltanwendung, mangelnde Gerechtigkeit, Machtmissbrauch (…)

Interview GO-6
Zur Rolle der Frau in der salesianischen Kongregation

Don Bosco hat im Oratorium in Valdocco immer die Figur der Mutter, einer Mutter für seine Söhne gehabt. Die erste war seine Mutter, Mama Margherita. Diesem Beispiel folgten weitere salesianische Mütter (…) Die amtliche Lehre der salesianischen Kongregation hat seit vielen Jahren durch die Generalkapitel gefordert, dass Frauen erzieherische Verantwortung in den salesianischen Präsenzen haben sollten. Es hat eine umfangreiche Reflexion gegeben, die gut die wertvolle Bedeutung der Gegenwart von Frauen in den salesianischen pädagogischen Einrichtungen hervorgehoben hat.

Zur Lage in der Welt

(…) Aber ich denke, dass wir gerade sehr schwierige Jahre erleben. Viele von uns, ich und andere, wir glaubten vor 20 Jahren, dass der Weg zu Frieden und einer immer größeren Verbreitung der Menschenrechte auf der Welt zwar langsam sei, aber sichtbar, bemerkbar und überprüfbar. In den letzten 20 Jahren haben wir einen unvorstellbaren Rückschlag erlebt: entweder wegen des internationalen Terrorismus oder wegen missbräuchlicher Ausbeutung der weltweiten Migrationsbewegungen oder wegen Kriegen oder der Untätigkeit seitens mancher (…)

Zur weltweiten Corona-Pandemie

Im Augenblick sind wir von dieser schrecklichen Pandemie getroffen. Wir hätten uns nie irgendetwas in dieser Art vorgestellt, so wie wir auch nie den Terrorismus der letzten 20 Jahre in einem großen Teil der Welt, vor allem dem westlichen, für möglich gehalten hätten. Diese Pandemie bringt bei vielen Menschen und gesellschaftlichen Gruppen (zum Beispiel Ärzten, Krankenschwestern und -pflegern, sozialen Diensten usw.) das Beste hervor. Aber auch das Schlimmste an Egoismus und Individualismus in der Politik vieler Länder. Diese Vergehen wird man nach dem Coronavirus nicht leicht vergessen. (…) Wir erleben eine noch nie da gewesene weltweite Krise. Ein Virus hat die Welt gelähmt. Der Planet Erde dreht sich weiter um sich selbst, aber die Welt als solche ist in einem gewissen Sinn gelähmt.

Zur Frage, was wir als Katholiken tun können

Ich möchte sagen, dass ich vor allem hoffe, dass wir aus dem, was wir gerade durchleben, etwas lernen. Werden wir zum Beispiel wieder über unsere Verhältnisse leben oder werden wir menschlichere Rhythmen und Räume haben? Wollen wir die verlorene Zeit durch Konsum aufholen, durch immer mehr Besitz, (…)? Oder werden wir lernen, dass wir glücklich mit dem Notwendigen und mit mehr Schlichtheit leben können? Werden wir den Wettlauf um die Verschmutzung der Welt fortsetzen oder geben wir dem Planeten eine Verschnaufpause (…)? (…)
Natürlich müssen wir als Christen und Katholiken auf die Verhältnisse der Armut, die gerade im Begriff sind zu explodieren, weiterhin mit Weitblick, Kreativität und Großzügigkeit reagieren. Im Allgemeinen neigen wir gerade in Grenzsituationen dazu, unser Bestes zu geben. Ich vertraue sehr darauf. (…)

Übersetzung: Barbara Klose
Redaktion: Br. Dr. Clemens Schwaiger

Das komplette, sechsseitige Interview können Sie hier downloaden.