Dem Alltag enthoben

Urlaubsimpuls Liebenstein 2

Im Urlaub, und so gut es geht auch zwischendurch im Jahr, zieht es mich immer wieder in die Berge. Auch wenn ich nicht der große Sportler bin, reizt mich die körperliche Herausforderung mehrere Hundert, selten auch mal 1000 Höhenmeter steigen zu können. Das macht mich stolz und dankbar.

Im Gebirge sind die Wege oft sehr abwechslungsreich: Sie folgen einem gluckernden Bach, der sich mal durch enge Felsspalten zwängt, in tiefe Gumpen stürzt oder an einem flachen Stück ruhig dahinfließt. Oder sie führen über Wurzeln und Steine bergan, oder ziehen sich über Alpwiesen, auf denen oft Blumen zu entdecken sind, die im Tal schon verblüht sind oder die es weiter unten gar nicht gibt. Weiter oben dann Abschnitte, auf denen man durch Geröll geht oder auf denen kleine Felsklettereien zu bewältigen sind: „Alpin-Feeling“!

Vogelperspektive verändert Blick auf den Alltag

Bei einer Tour Ende Juni dieses Jahres konnte ich durch kleine Schneefelder stapfen, die in dem kühlen Frühjahr und den regnerischen Sommerwochen noch übrig geblieben waren. Es ist eine vielfältige und faszinierende und oft genug überraschende Welt. Und wenn wir auch nüchtern feststellen müssen, dass wir auch in den Alpen keine unberührte Natur mehr erleben können, so erleben wir dort die Vielfalt der Pflanzen, den Ablauf der Jahreszeiten und Sonne, Wind und Regen viel intensiver als es im Alltag möglich ist.

Wenn ich nach einigen Hundert Höhenmetern ins Tal oder ins Voralpenland blicken kann, wirkt die Landschaft wie eine Modelleisenbahn. Alles wirkt irgendwie verspielt, Autos kurven hin und her, vielleicht fährt ein Zug – aber es ist weit weg. Uns so kommt mir in dieser Höhe auch mein Alltag vor: der Druck, der mich unten in Atem hält, fällt ab. Schwierigkeiten und belastende Konflikte verlieren ihr Gewicht und ich kann mit einiger Gelassenheit auf sie blicken – und manchmal kommen mir Dinge in den Sinn, die im Alltag keinen Raum haben. Es scheint, als würde sich das Leben in der Höhe neu ordnen. Als bekämen die Dinge aus der Vogelperspektive ihren Platz.

Gott nah sein

Und nicht zuletzt: fühle ich mich auf den Bergen Gott ein Stück näher: Die Großartigkeit der Bergketten, die von vielen Gipfeln aus zu sehen sind, die Wucht der Felswände, an denen ich hochblicke – und vielleicht auch die innere Harmonie, die die körperliche Anstrengung, die Freude, es geschafft zu haben, die Schönheit der Natur und die Weite des Blickes bewirken oder geben mir das Gefühl, Gott näher zu sein. Manche könnten das für eine fromme Einbildung oder einen romantischen Überschwang halten. Daher bin ich froh, dass große Gestalten der Bibel Gott auch auf den Bergen gesucht haben: Mose stieg auf den Sinai, um die Gesetzestafeln zu empfangen; Elia stieg auf einen Berg, um Gott zu begegnen; und Jesus stieg auf einen Berg, um zu beten.

„Viele Wegen führen zu Gott“, schrieb Bischof Reinhold Stecher, „einer führt über die Berge.“ Ich bin dankbar, dass dieser Weg über die Berge einer ist, der für mich passt.

Bergmesse mit der Heimatgemeinde

Porträt Pater Liebenstein

Urlaub heißt für mich, Freunde zu treffen und mit ihnen etwas zu unternehmen – besonders mit denen, mit denen sich der Kontakt während des Jahres auf ein paar Telefonate oder E-Mails beschränkt. Es ist mir wichtig, bei meiner Familie zu sein – besonders jetzt, da ich spüre, dass die Zeit mit meiner Mutter kostbar wird. In der Jugend und im jungen Erwachsenenalter sieht man das ja anders.

Und natürlich gehören ein paar kleinere oder größere Bergtouren dazu – und die Bergmesse mit meiner Heimatgemeinde, die an einem Platz feiert, der wie ein Logenplatz vor der Alpenkette liegt.

Christian Liebenstein