Mit Kindern über Krisen sprechen

Gewalt, Terror, Umweltkatastrophen. Vor schlechten Nachrichten können Eltern ihre Kinder nicht bewahren. Doch sie können ihnen helfen, über ihre Ängste zu sprechen und damit umzugehen. Unsere Experten erklären, wie das am besten funktioniert, und was Eltern beachten sollten.

 

Was Schreckensmeldungen auslösen

Meldungen über Terrorakte, Kriege oder Naturkatastrophen berühren Kinder oft sehr. Sie fühlen Angst, Trauer, Wut und Verunsicherung. Ihr gesamtes Weltbild kann durch das Gesehene oder Gehörte ins Wanken geraten. „Warum hat der das gemacht?“ oder „Kann das auch bei uns passieren?“, sind typische Fragen von Kindern in solchen Situationen. Dabei trifft von Menschenhand verursachte Gewalt Kinder besonders. Bei einem Terroranschlag oder Amoklauf gehe „das Vertrauen in die Mitmenschen verloren“, erklärt der Traumapsychologe und Experte für Krisenintervention Georg Pieper. Kinder fühlten sich außerdem nach Schreckensmeldungen stärker bedroht als Erwachsene, „weil sie die Hintergründe häufig nicht verstehen“, so Pieper. „Sie können Gewalttaten nicht einordnen.“ Das Gefühl der Hilflosigkeit belaste sie enorm.

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Die Macht der Bilder

Studien zeigen: Kriegs- und Katastrophenbilder in den Medien wirken sehr intensiv auf  Kinder. Sie lösen Ängste aus, und die Kinder tragen das Gesehene oft lange mit sich herum. Besonders belastend sind Bilder verletzter Menschen, insbesondere leidender Kinder. Deshalb gilt: Wenn Eltern ihre Kinder entsprechende Nachrichten sehen lassen, müssen sie dabei sein – und mit den Kindern darüber sprechen. Wichtig dabei: sich genau beschreiben lassen, was das Kind gesehen hat und was ihm Angst macht. Bei Bedarf nachfragen. Und erst dann antworten und beruhigen.

Mit dem Kind sprechen – aber wie?

„In der Regel ist es gut, abzuwarten, bis das Kind von sich aus kommt“, erklärt die Kinder- und Jugendpsychotherapeutin Marion Pothmann. „Denn zu diesem Zeitpunkt ist der Boden bereitet und das, was wir sagen, kommt an.“ Bei Mädchen und Jungen, die sehr verschlossen sind, kann es auch sinnvoll sein, auf sie zuzugehen. Zu einem Gespräch zwingen sollten Eltern ihre Kinder aber nicht. Wenn ein Gespräch stattfindet, ist eine gute Atmosphäre hilfreich. Am besten hilft eine natürliche Situation. Das heißt: Wenn Eltern und Kinder gemeinsam die Kindernachrichten anschauen und darüber ins Gespräch kommen, ist das einfacher, als sich an den Tisch zu setzen und zu sagen, jetzt reden wir.

Medienkonsum steuern!

„Wie wir die Welt wahrnehmen, wird stark von unserer Mediennutzung beeinflusst“, schreibt Georg Pieper. „Wenn wir uns ständig negativen Nachrichten und verstörenden oder schockierenden Bildern aussetzen, sabotieren wir damit unser eigenes Sicherheitsgefühl.“ Der Psychologe rät daher allen Eltern, ihren eigenen Medienkonsum und den ihrer Kinder sehr bewusst zu steuern. „Je jünger Kinder sind, desto konsequenter sollten Erwachsene lenken, was sie zu sehen bekommen.“ Die Schwierigkeit: Eltern müssen ihre Kinder „einerseits schützen, andererseits aber auch bis zu einem gewissen Grad mit der Realität konfrontieren“, so Pieper. Er empfiehlt, Kinder bis zum Vorschulalter von Schreckens nachrichten fernzuhalten. Kinder jeden Alters sollten mit dem Gesehenen nicht alleine gelassen werden.

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Tatsache ist allerdings auch: Schon kleine Kinder bekommen heute fast alles mit. Zum Beispiel, weil andere Kinder daheim ein Smartphone benutzen oder es in die Schule mitbringen. Dann heißt es aufmerksam sein. Und möglicherweise ein Gespräch anbieten.

Hilfe holen

Normalerweise verarbeiten Kinder schreckliche Meldungen besser, als die Erwachsenen denken. Falls ein Kind dauerhaft Ängste behält, sagt Marion Pothmann, könne es helfen, konkrete Verhaltensweisen für den „Notfall“ mit ihm zu besprechen: ruhig bleiben, sich an Erwachsene halten, Handy mitnehmen, … Ganz selten, wenn Ängste, Schlafstörungen oder Ähnliches über mehrere Monate bestehen bleiben, sollte kinder- und jugendpsychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch genommen werden.

Der Artikel ist im Don Bosco Magazin 3/2017 erschienen und kann hier heruntergeladen werden:

 

Text: Christina Tangerding/ Fotos: Composing unter Verwendung von iStockphoto.com, Thomas K./photocase.de, M.T ElGassier/Unsplash