Mount Fashion: Am anderen Ende der Lieferkette Eindrücke vom größten Secondhand-Markt Westafrikas

Was passiert mit unserer Kleidung? Besuch am Mount Fashion in Accra, Ghana

Accra. 31 Grad. Die Luftfeuchtigkeit ist teilweise 90 Prozent und die Luft drückend. Wir fahren durch verstopfte Straßen, bis wir schließlich Old Fadama erreichen – einen der größten Slums Westafrikas. Rund 150.000 Menschen leben hier.

Unser Rundgang mit Blessing und Grace, zwei jungen Frauen, die hier aufgewachsen sind, beginnt auf dem größten Secondhand-Markt Westafrikas.

Berge aus T-Shirts, Hosen, Jacken, Kinderkleidung aus Europa und anderen Teilen der Welt.

Tausende Händler sitzen auf dem Boden. Vor ihnen liegen Säcke voller Kleidung. Berge aus T-Shirts, Hosen, Jacken, Kinderkleidung. Alles durcheinander. Alles aus Europa und anderen Teilen der Welt.  Ein Lastwagen fährt vor. Männer laden riesige Textilballen ab – fest verschnürt. Ein Händler kauft solch einen Ballen, erklärt Blessing. Aber er weiß nicht, was darin ist. Kinderkleidung? Wintermäntel? Sommerkleider? Oder kaputte Kleidung.

Es ist ein Wagnis für die Händler

Etwa die Hälfte der Kleidung ist sofort unbrauchbar. Zu kaputt. Zu schmutzig. Zu billig produziert. Die Händler versuchen es trotzdem immer wieder. Vielleicht ist im nächsten Ballen bessere Ware. Doch die Mengen sind absurd. Viel mehr Kleidung, als hier jemals verkauft werden kann - unsere aussortierte Kleidung.

Wohin gelangt die unbrauchbare Kleidung?

Je weiter wir gehen, desto sichtbarer wird, was mit den Resten passiert. Die Gassen werden enger, die Häuser schäbiger. Wir kommen zu einer Lagune. Es gibt kein Wasser darin- gerade ist Trockenzeit. Statt dessen apokalyptische Ausmaße von Müll: Plastikflaschen, Stoffreste, Schrott und Verpackungen soweit das Auge reicht.

Der Altkleiderberg

Dann erreichen wir ein Gebiet, das erst vor wenigen Jahren entstanden ist. Die Häuser stehen auf Stelzen, weil das Gelände bei starkem Regen überflutet wird. Und plötzlich sehen wir ihn.

Ein riesiger Berg aus verrottender Kleidung. Meterhoch. Direkt neben den Häusern. Ein absurdes Monument unseres globalen Konsums.

Oben auf dem Berg stehen ein paar Kühe. Unten laufen Menschen und Ziegen vorbei, eilig, beschäftigt. Niemand hier ist untätig. Jeder versucht, seinen Lebensunterhalt zu verdienen.

Eindrücke vom größten Secondhand-Markt Westafrikas

Die Geschichte beginnt bei uns

Auf dem Rückweg reden wir noch lange mit Blessing und Grace über ihre Pläne für Old Fadama. Ich gehe beeindruckt – von der Energie und dem Mut vieler Menschen hier.

Aber ich gehe auch nachdenklich. Denn dieser Ort ist kein isoliertes Problem irgendwo in Afrika. Er ist Teil derselben Geschichte, die auch bei uns beginnt.

Aber ich gehe auch nachdenklich. Denn dieser Ort ist kein isoliertes Problem irgendwo in Afrika.

Viele der Kleidungsstücke auf diesem Müllberg wurden einmal von Menschen wie uns getragen. Vielleicht nur ein paar Mal. Vielleicht nur eine Saison.  Dann wurden sie aussortiert. Gespendet. Exportiert. Oft wurden sie auch gar nicht getragen weil es billiger ist, Retouren direkt zu vermüllen, als sie erneut in den Handel zu bringen.

Und irgendwann landen sie hier. Auf einem Markt. In einem Slum. Auf einem Müllberg namens Mount Fashion. Wir können uns einreden, dass das weit weg ist. Aber in Wahrheit zeigt dieser Ort etwas sehr deutlich:

Unser Konsum hat Konsequenzen. Unser Konsum ist irre.

Unser Projekt zu fairen Lieferketten

Eine Frau und ein Mann stöbern in Kleidung an einem Kleiderständer in einem Vintage-Laden mit Holzwand.

Der Besuch in Old Fadama zeigt, wie eng unser Alltag in Europa mit Lebensrealitäten in anderen Teilen der Welt verbunden ist. Hinter Kleidung, Elektronik oder Lebensmitteln stehen globale Lieferketten, deren Auswirkungen oft unsichtbar bleiben.

Im Projekt „From Chains to Bridges“ sensibilisieren wir gemeinsam mit Partnerorganisationen aus mehreren europäischen Ländern junge Menschen für diese Zusammenhänge. Dazu entwickeln wir Workshops, Begegnungen und Bildungsmaterialien rund um Konsum, Menschenrechte und nachhaltige Wirtschaft.

Das Projekt wird im Rahmen des Erasmus+ Programms der Europäischen Union gefördert.

Was wir tun können

Fast Fashion zu vermeiden, beginnt oft mit kleinen Entscheidungen: Kleidung länger tragen, reparieren, tauschen oder Secondhand kaufen statt ständig Neues. Weniger, aber bewusster einzukaufen, kann bereits viel verändern.

Genauso wichtig ist es, andere für globale Lieferketten zu sensibilisieren – in der Schule, im Freundeskreis oder in der Jugendarbeit. Dafür stellen wir im Projekt „From Chains to Bridges“ auch konkrete Materialien bereit, etwa ein Handbuch für NGOs und Bildungsakteure und einen Escape Room zu globalen Lieferketten, der junge Menschen spielerisch zum Nachdenken über Konsum, Gerechtigkeit und Verantwortung anregt.

Ein Bericht von Ulla Fricke

Ihre Ansprechpartnerin

Eine lächelnde Frau mit kurzen, welligen blond-grauen Haaren und einem gestreiften schulterfreien Top blickt in die Kamera.
Ulla Fricke Abteilungsleitung Bildung