Bruder Martin Böing Zwischen Sinnsuche, Berufung und Engagement für junge Menschen

Ein Mann spricht in ein Mikrofon, das von einem Priester gehalten wird, mit einem weiteren Priester daneben, während einer Kirchenzeremonie.
Priester legt einem Mann in der Kirche die Hände zur Segnung auf.
Großes Familienporträt mit mehreren Generationen, die lächelnd auf einer grünen Wiese vor Bäumen und Gebäuden posieren.
Junge Männer in Anzügen singen aus Liederbüchern in einem feierlichen Rahmen, vermutlich einer Kirche.
Fünf Sternsinger, drei als Könige verkleidet, einer im Messdienergewand, werben für die Spendenaktion 'GEMEINSAM FÜR UNSERE ERDE'.

Bruder Martin Böing ist Salesianer Don Boscos und arbeitet mit Jugendlichen in schwierigen Lebenssituationen. Sein Weg in den Orden war geprägt von Zweifel, Sinnsuche und bewussten Entscheidungen. In diesem Erfahrungsbericht erzählt er, wie er seinen Glauben neu entdeckt hat und warum er sich für ein Leben in der Ordensgemeinschaft entschieden hat.

Kindheit, Familie und erste Berührung mit Don Bosco

Ich bin am 28. Juli 1977 in Neuenkirchen bei Steinfurt geboren und in einem dörflich geprägten Umfeld mitten im Münsterland aufgewachsen. Nach meinem qualifizierten Hauptschulabschluss an der Don Bosco Gesamtschule – hier hörte ich zum ersten Mal von dem Ordensgründer – machte ich an einer anderen Schule das Abitur. Ich wollte studieren, so wie meine älteren Geschwister.

Meine Familie ist katholisch, aber nicht besonders kirchennah. Zu besonderen Gelegenheiten wie Weihnachten oder Ostern besuchten wir den Gottesdienst. Ich ging zur Erstkommunion und zur Firmung, war Messdiener – einfach, weil meine Freunde das auch machten. Irgendwann habe ich mich vom Glauben entfernt. Der Tod meiner Großeltern zeigte mir, dass Beten nicht immer so hilft, wie ich als Kind gedacht hatte.

Distanz zum Glauben und erste berufliche Orientierung

Stattdessen beschäftigte ich mich aus intellektuellem Interesse mit Philosophie und Buddhismus. Nach dem Abitur leistete ich meinen Zivildienst in der individuellen Betreuung schwerstbehinderter Menschen. Langfristig konnte ich mir diese Arbeit jedoch nicht vorstellen – ich fühlte mich unterfordert. Stattdessen suchte ich nach einem Beruf mit gutem Verdienst und entschied mich schließlich für ein BWL-Studium.

Krise, Neuorientierung und Rückkehr zum Glauben

Doch nach einigen Semestern geriet ich in eine Krise. Immer deutliche spürte ich, dass ich in der falschen Richtung unterwegs war und wusste nicht, wie es weitergehen sollte. Mit 23 Jahren stieg ich aus, arbeitete ein Jahr am Fließband. Es ging mir nicht gut in dieser Zeit und so begann ich, mich wieder intensiver mit dem christlichen Glauben zu beschäftigen. Ich las Bücher, ging irgendwann täglich in den Gottesdienst und spürte, dass mich etwas innerlich berührte.

Studium und Entscheidung für die Arbeit mit jungen Menschen

Auf der Suche nach einem anderen Studienfach, erinnerte ich mich an meinen Zivildienst im sozialen Bereich. Mit 24 Jahren schrieb ich mich schließlich für Erziehungswissenschaften in Bielefeld ein. Im Nebenfach belegte ich Psychologie, weil mich das Zwischenmenschliche besonders interessierte. Im Hauptstudium spezialisierte ich mich auf Kinder- und Jugendpädagogik und hatte damit das Richtige für mich gefunden.

Gleich nach meinem Studium begann ich in der aufsuchenden Sozialarbeit und in einem Jugendzentrum zu arbeiten. Doch in meinem Kopf formte sich ein neuer Gedanke. Gegen Ende des Studiums hatte mich eine Freundin gefragt: „Was willst du eigentlich mal machen?“ Meine spontane Antwort war: „Ich möchte Priester werden.“ Die Idee ließ mich in meinem ersten Berufsjahr nicht los. Aber ich hatte große Hemmungen, wieder etwas ganz Neues zu beginnen.

Der Weg zum Orden und Entscheidung für die Salesianer

Nachdem ich bereits einmal ein Studium abgebrochen hatte, wollte ich keinen Fehler mehr machen und ließ mir Zeit für die Entscheidung, die dann doch unausweichlich wurde. Nach knapp zwei Jahren Berufspraxis ging ich ins Priesterseminar zum Theologiestudium. Während der nächsten fünf Jahre lernte ich auch verschiedene Ordensgemeinschaften kennen: Benediktiner, Jesuiten und die Salesianer.

Was mich am Don Bosco Orden begeistert, ist die Verbindung von Theologie und Pädagogik. Das fühlt sich für mich stimmig und lebendig an. Anders als die Arbeit in der Kirchengemeinde nach meinem Abschluss. Hier war ich zu weit weg von der praktischen Jugendarbeit. 2016 fasste ich den Entschluss, mir den Orden näher anzuschauen und ging nach Sannerz, ein Standort von Don Bosco Fulda. Ganz bewusst als pädagogischer Mitarbeiter, denn ich wollte mit einem gewissen Abstand prüfen, ob die Salesianer mein Weg sein könnten.

Zeit der Prüfung, Gemeinschaft und Noviziat

Zunächst arbeitete ich in Sannerz also als normaler Angestellter, begann mir aber zugleich ein Bild vom Leben der Ordensbrüder zu machen. Ein Jahr hatte ich mir ursprünglich Zeit lassen wollen, es wurden dann zwei, weil mir die Entscheidung nicht leichtfiel. Die großen Schritte auf meinem Berufungsweg sind immer mit einem Ringen verbunden gewesen. Ich habe aber auch erfahren, wie Gott wirkt und mich begleitet.

Aus meiner Beziehung zu Christus ziehe ich Kraft. Aus ihr kommt der Mut, Entscheidungen zu treffen – auch wenn sie bedeuten, dass ich andere Wege loslassen muss. Meine Geschwister leben ein glückliches Familienleben, ich selbst verzichte auf eine eigene Familie. Deshalb will ich bei jedem Schritt sicher sein, dass es wirklich meiner ist. Wo werde ich lebendig? Wo kann ich für andere da sein? Wo finde ich Freiheit und Freude? Das sind für mich entscheidende Fragen.

Nach einem Jahr in Sannerz, begann ich parallel zu meiner Arbeit ein Aspirantat, zog bei den Ordensbrüdern ein und lebte sechs Monate in der Gemeinschaft mit. 2018 ging ich ins Noviziat nach Pinerolound später an den Colle Don Bosco. Dort fühlte ich mich gut aufgehoben und intensivierte mein Glaubensleben. Nach dem Noviziat hatte ich kurze Stationen in Benediktbeuern und Sannerz, bevor ich schließlich nach Chemnitz zu Don Bosco Sachsen kam.

Arbeit mit Jugendlichen und Leben im Orden heute

Seither bin ich in Burgstädt im Don Bosco Jugendwerk tätig. Ich begleite Jugendliche in schwierigen Lebenslagen – durch erlebnispädagogische Gruppenangebote, Bewerbungstrainings und Einzelfallhilfe. Sie alle haben psychische oder kognitive Einschränkungen, vielen fehlt familiäre Unterstützung. Die Jugendarbeit lässt mich aufleben und ich schätze den ganzheitlichen Ansatz Don Boscos.

Ein bekannter Satz von ihm hat mich besonders geprägt: „Fröhlich sein, Gutes tun und die Spatzen pfeifen lassen.“ Das klingt leicht, hat aber Tiefe. Übersetzt bedeutet es für mich dankbar sein, einen positiven Blick auf die Welt haben, gelassen bleiben und gut denken – über mich selbst und andere. Diese Haltung versuche ich als Ordensmann, der nah an den Menschen ist, zu vermitteln. Ich glaube, dass wir Jugendliche so ermutigen können, anders auf sichselbst zu schauen.

Wir leben hier in einer Region mit nur 10 Prozent Christen. Wenn ich Jugendliche frage, ob sie gläubig sind, heißt es: „Nein, ich bin normal.“ Ich versuche, sie philosophisch zu erreichen, ihr kindliches Staunen an der Welt zu wecken. Die theologischen Gespräche mit meinen Mitbrüdern geben mir Halt. Wir wohnen zu viert in einer Kommunität. Jeder hat andere Aufgaben, einen anderen Alltag, aber wir begegnen uns regelmäßig. Ob bei Filmabenden, zum gemeinsamen Gebet oder im Gottesdienst.

Ewige Profess und Blick in die Zukunft

Gerade habe ich meine Ewige Profess abgelegt und dabei Gehorsam, Armut und Ehelosigkeit gelobt. Nun bin ich für immer mit dem Don Bosco Orden verbunden. Wie der Weg weitergeht, weiß ich derzeit noch nicht. Hier in Chemnitz warten noch Aufgaben und Projekte auf mich. Irgendwann werde ich sicher an einen anderen Standort wechseln, neue Menschen kennenlernen, neue Aufgaben übernehmen. Ich mag solche Veränderungen auf meinem Weg, aber ich gehe jeden Schritt mit Bedacht.

Protokoll: Janina Mogendorf