Duy-Duy Josef Trinh Nicht spätberufen, sondern spät entschieden
Eigentlich wusste Duy-Duy Josef Trinh schon mit neun Jahren, dass er einmal Priester werden wolle. Doch erst ging er einen anderen Weg, wurde Ingenieur, arbeitete einige Jahre erfolgreich in diesem Beruf. Doch etwas ließ ihn nicht los. Mit 33 Jahren entschied er sich, dieses Leben hinter sich zu lassen. Er wurde Salesianer Don Boscos, studiert nun in Wien Theologie – und bereitet sich vor auf die Priesterweihe, die in wenigen Jahren wohl bevorsteht. Er könnte täglich acht Stunden im Büro verbringen, als Maschinenbauingenieur arbeiten und dabei nicht schlecht verdienen. Er hätte vielleicht mittlerweile ein eigenes Haus, möglicherweise eine Frau und bald Kinder.
Überzeugt, den richtigen Weg zu gehen
Manchmal denkt Duy-Duy Josef Trinh (36) darüber nach, wie sein Leben auch aussehen könnte. Doch er ist mittlerweile überzeugt, dass es für ihn richtig war, diesen möglichen Lebensweg zu verlassen und Salesianer Don Boscos zu werden. „Es gibt nichts Edleres, als Menschen zu begleiten, damit sie ein gelingendes Leben führen“, sagt er bestimmt. Nun ist er mit Mitte 30 wieder Student, bereitet sich auf den Priesterberuf vor. Trinh besucht Vorlesungen, lernt viel, kümmert sich zudem um die studentische Hausgemeinschaft der Salesianer Don Boscos in Wien, wo er mit weiteren Salesianern lebt, bereitet spirituelle Angebote vor – und koordiniert Deutschunterricht für Flüchtlinge.
Mit den Flüchtlingen, die ins Wiener Salesianum kommen, kann sich Trinh gut identifizieren. Seine Eltern haben selbst einst alles hinter sich gelassen, um ein neues Leben zu beginnen. Der Vater hatte im Krieg auf der Seite der Südvietnamesen gegen den kommunistischen Norden gekämpft. Nachdem dieser Südvietnam eingenommen hatte, war Trinhs Vater großen Repressalien ausgesetzt.
Fluchtgeschichte in der Familie
Auch die Mutter konnte als Katholikin ihren Glauben nicht mehr leben. Gemeinsam mit ihrem Baby, Trinhs älterer Schwester, begaben sie sich 1980 auf ein Boot in ein ungewisses Schicksal. Die Trinhs hatten Glück. Während zahlreiche Menschen im Südchinesischen Meer untergingen, wurden sie gerettet. Die Familie kam nach Regensburg. Ende 1981 kam dort Duy-Duy Josef Trinh zur Welt, Anfang 1983 seine jüngere Schwester. Die Trinhs bekamen viel Hilfe von deutschen Familien. „Ihre Gutmütigkeit kann ich nicht vergessen“, sagt Trinh über seine ersten Lebensjahre. So viel Wohlwollen sei ihnen entgegengebracht worden – Hilfe beim Ämtergang, bei der Wohnungs- und Jobsuche, Besorgen von Baby- und Spielsachen. Eine Helferin wurde Trinhs Taufpatin, eine andere die Patin seiner kleinen Schwester. Die Eltern arbeiteten hart und viel, brachten es über die Jahre zu einem kleinen Häuschen am Stadtrand Regensburgs. Und sie engagierten sich viel in der Kirche. So wuchs Trinh auf in einem katholisch geprägten Umfeld. „Nach der Messe habe ich oft mit meinen Schwestern den Gottesdienst nachgespielt“, erinnert sich Trinh. Er war der Pfarrer. „Das Hingezogensein zum Priesterberuf war damals schon da“, reflektiert er heute.
Trinh wuchs gleichzeitig in verschiedenen Welten auf. „Für die Vietnamesen bin ich irgendwie deutsch. Für die Deutschen sehe ich nicht wie ein Deutscher aus.“ Er sieht sich selbst als vietnamesischer Bayer. Zwei Welten waren für Trinh aber auch die katholischen Wertevorstellungen, die er von zu Hause vermittelt bekam, und das Leben seiner Mitschüler, die mit Religion oft wenig anfangen konnten. Und dann war da noch die Spannung zwischen zwei Lebensentwürfen – der Berufung zum Priester folgen oder ein mittelständisches Leben mit einem gut bezahlten Job führen.
Zwischen zwei Welten und Lebensentwürfen
Als Junge war Trinh schüchtern, traute sich nicht, sich in der Schule einzubringen, obwohl er den Stoff verstanden hatte. Er wusste aber, wenn er doch einmal Priester werden wollte, dann müsste er Abitur machen. Daher hängte er sich rein, um aufs Gymnasium wechseln zu können. „Wenn ich diese Prüfung schaffe, dann werde ich Priester“, versuchte er mit Gott zu handeln. „Doch es hat nicht geklappt“, berichtet Trinh. Für ihn ein Zeichen. Nach der Mittleren Reife besuchte er die Fachoberschule – mit einem technischen Zweig. Nach dem Fachabitur kam der Wehrdienst. Danach ging Trinh an die Fachhochschule nach Nürnberg. Mit einem Freund lernte er oft. Nach einer langen Lernnacht sagte Trinh: „Beten wir ein Vaterunser.“ Und sie kamen öfter ins Gespräch über den Glauben, über Gott und die Welt. Nach dem Studium entschied sich dieser Freund, der zuvor kaum Kontakt zum Glauben hatte, unterstützt von Trinh, für das Priesterseminar. „Da habe ich mich gefragt: Anderen traue ich das zu, mir selber aber nicht?“ 2008 bekam Trinh sein Diplom. Dann folgte eine weitere lange Zeit des Zweifelns.
Mit seiner Mutter habe er oft über seine mögliche Berufung gesprochen. Sie selbst habe in Vietnam die Arbeit der Salesianer kennen und schätzen gelernt – und ihm so ein positives Bild des Ordens vermittelt. Mit 16 hatte er auch ein Buch über Don Bosco gelesen, das ihn tief beeindruckte. „Er hat viel bewirkt in der Welt. Ich habe mich mit ihm im Einklang gefühlt.“ Beeindruckt war er auch von einem befreundeten vietnamesischen Salesianer, dessen „Fröhlichkeit und seinem Lachen“. Über die katholische vietnamesische Gemeinde leitete Trinh als Jugendlicher eine Gruppe, die sich manchmal auch bei den Salesianern in Regensburg traf. Besonders erinnert er sich an den Kickertisch dort. „Spielen und dabei Gutes tun“, dachte er damals. Das sei „cool“. Und ein Salesianer sagte dort zu ihm, dass er zwar kein Geld in der Hosentasche habe. „Aber egal, wo ich bin, ich bekomme von Gott alles geschenkt.“ Das sei bei Trinh hängen geblieben. Nach der Begeisterung beim Weltjugendtag in Köln 2005 begründete er die Gruppe TNCG mit, einen Zusammenschluss junger Vietnamesen mit dem Ziel, im Glauben und in der katholischen Kirche zu wachsen. „In der Jugendarbeit konnte ich Leute begeistern. Und die Arbeit mit den Jugendlichen begeisterte mich.“
Glaube als roter Faden
Bis Trinh sich entschied, Salesianer zu werden, verging Zeit. „Ich bin kein Spätberufener, sondern ein Spätentschiedener“, sagt er über den Prozess, der ihn dazu führte, seine Berufung zu leben. Nach dem Studium schlug er sich erst einmal mit kleineren Jobs durch – er half seinen Eltern bei Volksfesten mit ihrem Imbissstand, machte Transportdienste. Und er nutzte die Zeit, seine Berufung zu prüfen: Er nahm Kontakt auf zum damaligen Berufungspastoralbeauftragten der Salesianer, der ihn auch über die Jahre auf seinem Weg begleiten sollte. Trinh besuchte mehrere Einrichtungen der Salesianer. In Benediktbeuern traf er den heutigen Bischof Stefan Oster. Er habe damals sinngemäß zu ihm gesagt: „Es ist völlig egal, welche Berufung dich findet, Hauptsache, dein Leben gelingt.“ Das habe Trinh beeindruckt, denn er habe verstanden: „Es geht um mich.“ Und er wollte Berufserfahrung sammeln, bekam einen guten Job als Ingenieur. Er habe gewusst, dass Gott einen Plan habe für jeden. „Aber ich wusste nicht, welchen Plan er für mich hat.“ So ging er jeden Tag zur Arbeit, lebte wieder in zwei Welten. Er konnte weder nein sagen zu seinem Beruf noch zu den Salesianern. „Ich konnte nicht loslassen.“ Nach fünf Jahren fühlte Trinh, dass sich etwas in seinem Leben ändern müsse. Es fühlte sich immer kleiner an, zu eng. Er brauchte ein Jahr, bis er zu sich sagte: „Okay, ich versuche es. Sonst bin ich ewig in der Schwebe.“
Ein mutiger Schritt zum Leben im Orden
Ende 2013 kündigte Trinh. „Boah, ich habe geschwitzt dabei“, erinnert er sich. Zwei Wochen später ging er für ein halbes Jahr ins Aspirantat nach Calhorn, in eine Zeit des Ausprobierens. Die Mitbrüder dort bestärkten ihn. „Dann ging es Schritt für Schritt.“ Im „fließenden Übergang“ folgte das Vornoviziat, dann das Noviziat. Und er wollte weitermachen. „Es trägt mich, es ist gut“, habe er gefühlt. 2015 – im selben Jahr, in dem seine beiden Schwestern heirateten, legte er seine erste Profess ab. Trinh ist zufrieden mit seiner Entscheidung. „Ich habe eine Sehnsucht, junge Leuten zu begleiten, ihnen Zeit zu schenken – und dadurch die Welt vielleicht ein bisschen besser zu machen.“
Der ursprüngliche Text ist in der Ausgabe 3/2018 im Don Bosco Magazin erschienen, verfasst von Christine Wendel.
Aktuell arbeitet Duy-Duy Josef Trinh im Jugendhilfezentrum Don Bosco in Sannerz als pädagogische Fachkraft in der Erziehungshilfe. Im Jahr 2026 steht sein Diakonat an, 2027 voraussichtlich die Priesterweihe. 2025 wurde er in Regensburg zum Akolythen beauftragt – bereits ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Priesterweihe.
Bis 2022 war er für sein Theologiestudium in Wien und bis Mitte März 2026 noch in Benediktbeuern für Soziale Arbeit. Die Arbeit mit jungen Menschen zieht sich bei ihm durch – im Alltag, in der Jugendhilfe und in dem, was sonst so ansteht. „Also ein bisschen Theologie, ein bisschen Soziale Arbeit und viel Leben mit den Jugendlichen“, so beschreibt es Duy-Duy Josef Trinh selbst.





