Pater Bruno Oegerli Berufung zwischen Jugendarbeit, Herausforderungen und Glauben
Pater Bruno Oegerli ist Salesianer Don Boscos und Priester in der Schweiz. Sein Lebensweg führte ihn aus einfachen Verhältnissen über die kirchliche Jugendarbeit in den Orden. In seinem Erfahrungsbericht erzählt er von prägenden Begegnungen, schwierigen Zeiten und seiner tiefen Überzeugung, dass seine Berufung ihn an den richtigen Ort geführt hat.
Kindheit in einfachen Verhältnissen und familiäre Prägung
Ich bin am 25. Januar 1955 in der Schweiz in Olten im Kantonsspital geboren und in Kappel in einfachen Verhältnissen aufgewachsen. Meine Mutter war Hausfrau, mein Vater arbeitete als Hilfsarbeiter in einer Schuhfabrik. Wir mussten jeden Franken umdrehen, um über die Runden zu kommen. Mein Vater war kein einfacher Mensch. Wegen einer schweren Sehbehinderung hatte er seine Leidenschaft – die Musik und den Beruf Schuhmacher aufgeben müssen und haderte mit seinem Schicksal. Von sich hat er uns wenig erzählt.
Meine Eltern sind beide recht früh gestorben. Umso enger ist mein Verhältnis zu meiner jüngeren Schwester und meinem zwei Jahre älteren Bruder. Er ist mein bester Freund, das war schon immer so. In unseren jungen Jahren war die „Jugendwacht“ für uns das Wichtigste im Leben. Nach der Erstkommunion sind wir in diesen katholischen Verein eingetreten. Höhepunkt des Jahres war für uns das zweiwöchige Sommerhauslager mit vielen anderen Kindern und Jugendlichen.
Engagement in der Jugendarbeit und berufliche Orientierung
Mit der Zeit verlor der Verein jedoch immer mehr Mitglieder. Es fand kaum noch etwas statt. Als mein Bruder 16 wurde, beschlossen wir, der Jugendwacht neues Leben einzuhauchen. Mit viel Herzblut bauten wir neue Gruppen auf. Wir gewannen neue Mitglieder und fuhren schließlich mit 130 Kindern ins Sommerlager. Es waren intensive Jahre in der kirchlichen Jugendarbeit! Sie haben mich so geprägt, dass ich nach meiner Elektrikerlehre die Chance ergriff und Religionspädagogik studierte.
Entdeckung Don Boscos und Weg zu den Salesianern
Von Don Bosco hatte ich während meiner Zeit bei der Jungwacht gehört, aber meine Infos über ihn passten auf einen Spickzettel. Trotzdem hatte das wenige, was ich wusste, mein Interesse geweckt und so beschloss ich im Studium, meine Diplomarbeit über die salesianische Pädagogik zu schreiben. Je mehr ich mich mit Don Bosco beschäftigte, desto mehr hat es mich gepackt. Ich besorgte mir Material im Salesianerhaus Beromünster und kam dort zum ersten Mal bewusst mit Ordensleuten in Kontakt.
Meine Faszination für ihre Arbeit war so groß, dass ich mich nach meinem Abschluss für ein Aspirantat in Pfaffendorf in Unterfranken entschied. Ein Jahr, um den Orden ganz unverbindlich kennenzulernen. Ich lebte und arbeitete als Praktikant in einer Jugendhilfe-Einrichtung in Unterfranken und nach einigen Monaten war klar, dass ich in den Orden eintreten würde. In Beromünster übernahm ich nach meinem Noviziat die Betreuung von 25 Jugendlichen in einem Schülerwohnheim, war Freizeitpädagoge und Religionslehrer.
Priesterberufung und Ausbildung
In diesen Jahren setzte ich mich tief mit meinem Glauben auseinander und erhielt den Ruf, Priester zu werden. Nun bin ich nicht wirklich ein Intellektueller und musste mich im Theologiestudium ziemlich durchbeißen. Ich war froh, dass mir die alten Sprachen erspart blieben. Nach zwei Jahren Uni und einem Jahr Diakonat hatte ich es geschafft. Als 41-Jahriger empfing ich die Priesterweihe und fühlte, dass ich angekommen war. Ich konnte nicht ahnen, dass mir eine wirklich schwere Zeit bevorstand.
Herausfordernde Jahre in Chemnitz
Bei uns Salesianern ist es üblich, öfter die Einrichtung und den Ort zu wechseln. Meine nächste Station erwartete mich im Jugendhaus Chemnitz und hatte es wirklich in sich. Es war 1996 – sieben Jahre nach der Wende – und die Gegend war ein echt hartes Pflaster. Da waren Straßenkinder im Grundschulalter, mit denen ich zusammen rauchte, um irgendwie einen Zugang zu ihnen zu finden. Da waren Jugendliche, die uns regelmäßig bespuckten und verprügelten. Immer wieder mussten wir die Polizei rufen, weil junge Skinheads aufmarschierten oder mit ihren Springerstiefeln die Tür eintraten.
Erst als eine erfahrene, pädagogische Leiterin die Einrichtung übernahm, wurde es etwas besser. Mir aber ging es jeden Tag schlechter, auch weil das Zusammenleben mit meinem Mitbruder vor Ort nicht harmonisch war. Nach einem Jahr war ich so angeschlagen, dass ich nicht mehr schlafen und essen konnte. Zuletzt habe ich die Tage gezählt, bis meine Ablösung kam und ich nach Beromünster zurückkehren konnte. Chemnitz war für mich eine Niederlage, ich hatte lange daran zu knabbern. Aber auch solche Erfahrungen gehören zum Leben dazu.
Neubeginn in Beromünster und Leben in Gemeinschaft
In Beromünster, das im Schweizer Kanton Luzern liegt, lebte ich wieder auf. Ich wohnte dort mit Gymnasiasten der staatlichen Kantonschule zusammen. Das war auch nicht immer einfach, aber kein Vergleich zu Straßenkindern. Wir bildeten unter der Woche eine große Familie, gestalteten den Alltag, das Lernen, die Freizeit gemeinsam. Eigentlich hatte ich als junger Religionslehrer selbst eine Familie gründen wollen. So hatte ich nun eine andere, eine größere – bestehend aus 27 Schülern.
Jugendarbeit, Seelsorge und persönliche Herausforderungen
Bis heute liebe ich die pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen sehr. Über Sport und Musik komme ich mit ihnen in Kontakt. Und doch haben sich die Zeiten geändert. Manchmal fällt es schwer, da mitzuhalten. Das Handy steht heute immer im Vordergrund und es braucht viel Überredungskunst, die Jungs und Mädels vom Bildschirm loszueisen. Auf unseren Jugendfahrten mit gefirmten Jugendlichen überlegen wir uns deshalb immer ein besonders abwechslungsreiches Programm.
Neben der Jugendarbeit war ich lange Religionslehrer. Jetzt bin ich leitender Priester zuständig für fünf Pfarreien, die von einer Pastoralraumleiterin gemanagt werden. In allen Pfarreien halte ich Gottesdienste ab, mache Jugendarbeit, kümmere mich um Taufen, Hochzeiten und Beerdigungen. Am wichtigsten ist mir die direkte Begegnung mit Menschen, egal ob Junge oder Alte. Das habe ich besonders im letzten Jahr gemerkt, als ich nach einem Fahrradunfall lange liegen musste.
Ich verbringe gerne Zeit im Fahrradsattel. Mache Touren mit meinem Bruder. Vor dem Unfall machte ich einige längere Touren mit Mitbrüdern. Oft waren wir mehrere Tage unterwegs, radelten hunderte Kilometer durch Tschechien, Polen oder die Slowakei. Als ich von einem Auto angefahren wurde, hat mich das so richtig ausgebremst. Ich habe mir sechs Rippen und das Becken gebrochen, auch der Rücken war verletzt. Und so lag ich wochenlang im Bett und starrte an die Decke. Es dauerte Monate, bis ich wieder unter Menschen gehen konnte.
Glaube, Zweifel und Blick auf die Kirche heute
In solchen Phasen hat man viel Zeit zum Nachdenken und auch zum Hadern mit Gott. Die Missbrauchsskandale setzen mir zu. Was da in der Kirche passiert, beeinflusst den Glauben. Viele Menschen haben sich weit entfernt. In der Kirche herrscht Winter und das müssen wir durchstehen. Ich glaube nicht, dass ich noch einen neuen Frühling in der Kirche erleben werde, aber ich versuche, im Gespräch mit den Menschen zu bleiben, den Glauben authentisch zu leben.
Rückblick auf die eigene Berufung
Wenn ich auf meinen Weg zurückblicke, sehe ich Höhen und Tiefen, aber wenn ich ihn noch einmal zu gehen hätte, würde ich wieder den Orden wählen, auch wenn ich dadurch ehelos leben muss. Ich weiß nicht, ob mich eine Partnerschaft glücklicher gemacht hätte. Bei meinen Geschwistern habe ich erlebt, dass auch eine Ehe gute und schlechte Zeiten mit sich bringt. Bei den Salesianern kann ich das tun, was ich am meisten liebe: Für andere junge Menschen da sein. Ich habe den richtigen Ort für mich gefunden.
Protokoll: Janina Mogendorf




