Pater Karl Geißinger Ein Leben als Salesianer im Dienst der Schöpfung und junger Menschen
Pater Karl Geißinger ist Salesianer Don Boscos und verbindet in seinem Leben auf besondere Weise Spiritualität, Naturverbundenheit und pädagogisches Engagement. Sein Weg in den Orden war geprägt von Suche, Zweifel und Reifung. In diesem Erfahrungsbericht erzählt er, wie er seine Berufung gefunden hat und warum die Arbeit mit der Schöpfung für ihn untrennbar mit seinem Glauben verbunden ist.
Kindheit in der Natur und frühe Prägung
Die Verbundenheit mit der Natur wurde mir quasi in die Wiege gelegt und hat sich im Laufe meines Lebens mit jedem Tag vertieft. 1951 bin ich in einem Dorf nahe der Stadt Aalen zur Welt gekommen und mit zwei Geschwistern aufgewachsen. Wir waren umgeben von einer wunderschönen Landschaft, die wir mit unserem Vater auf ausgedehnten Wanderungen durchstreiften. Meine Mutter stammte von einem Bauernhof, wo wir unsere Ferien verbrachten. Diese Erlebnisse gehören zu meinen besten Kindheitserinnerungen.
Schulzeit und erste Begegnungen mit den Salesianern
Mit zehn Jahren verließ ich die dörfliche Idylle und kam auf ein 100 Kilometer entferntes Gymnasium in Buxheim, wo ich bis zur Mittleren Reife blieb. Danach wechselte ich nach Bamberg, wo ich mein Abitur am Theresianum machte. An beiden Orten wurden die Wohnheime von Salesianern geleitet. Ich kam also schon früh mit ihnen in Kontakt. Ordensmann wollte ich jedoch nie werden. Schon allein, weil ich in der Oberstufe des Gymnasiums eine feste Freundin hatte.
Suche nach dem eigenen Weg und erste Schritte im Orden
Erst als die Beziehung auseinanderging, wuchs mein Interesse, Don Bosco und den Orden näher kennenzulernen. Die Arbeit und das Leben der Salesianer faszinierten mich. Ein paar Jahre in der Gemeinschaft zu leben, erschien mir attraktiv. Ein ganzes Leben im Orden konnte ich mir jedoch zu diesem Zeitpunkt nicht vorstellen. Die Ordensoberen nahmen es gelassen und boten mir an, ein Jahr ins Noviziat zu gehen und erstmal vorübergehend die Gelübde abzulegen. Diese könne ich so lange erneuern, bis ich meinen Weg gefunden hätte.
Jahre der Orientierung, Zweifel und Entwicklung
Es dauerte schließlich fast ein Jahrzehnt, bis ich mir sicher war. In dieser Zeit kam ich viel herum, machte ein zweijähriges Praktikum in einem Berufsbildungswerk, studierte Soziale Arbeit und Philosophie, arbeitete in einer Jugendbildungsstätte. Nicht immer war es leicht. So erinnere ich mich noch gut an mein Praktikum im Jugendwohnheim Almenhof in Mannheim, wo ich gleich nach dem Noviziat ins kalte Wasser geworfen wurde. Ich war noch sehr jung und übernahm ohne pädagogische Ausbildung eine Wohngruppe mit jugendlichen Drogenabhängigen.
Immer wieder scheute ich in diesen Jahren den Gedanken, mich ganz für den Orden zu entscheiden. Ich hatte viel mit inneren und auch äußeren Widerständen zu tun, suchte nach alternativen Wegen. Irgendwann begannen auch die Ordensobern, mich in Frage zu stellen. Zugleich waren es aber auch Jahre, in denen ich viel Geborgenheit und freundschaftliche Begleitung durch meine Mitbrüder erfuhr und religiös reifte.
Endgültige Entscheidung und Priesterweihe
Die persönliche und geistliche Begleitung von Menschen, die an mich geglaubt und mich verstanden haben, hat mir sehr geholfen. Und so war ich im Jahr 1984 mit 33 Jahren schließlich so weit, die ewige Profess abzulegen und mich mit diesen Versprechen endgültig an den Orden zu binden. Mehr noch: Mein Weg lag so klar vor mich, dass ich mich entschloss, Theologie zu studieren und Priester zu werden. Vier Jahre später wurde ich geweiht.
Naturpädagogik und Aufbau des Zentrums für Umwelt und Kultur
Meine Freude an der Schöpfung hatte bis dahin keinen Tag nachgelassen und ich konnte sie bei den Salesianern entfalten und weiterentwickeln. Schon im Sozialpädagogikstudium in Benediktbeuern hatte ich mit einem Mitbruder „Naturerlebnisse für Schulklassen“ angeboten. Das war Anfang der Achtzigerjahre und ich spürte, wie viele Kinder den Bezug zur Schöpfung verloren. Mit meinen Mitbrüdern suchte ich nach Wegen, Umweltpädagogik mit der Pädagogik Don Boscos zu verbinden.
Als die Idee aufkam ein „Zentrum für Umwelt und Kultur“ (ZUK) zu gründen, war ich gleich Feuer und Flamme. Mit viel Energie stürzte ich mich in den Aufbau dieses Herzensprojektes und übernahm bald auch die Leitung. Noch heute ist das ZUK ein wichtiger Teil meines Lebens. Dort biete ich mit meinen Kolleginnen und Kollegen Moorexkursionen an, lasse Jugendliche mit dem Floß über den See schippern oder auf einer Berghütte übernachten.
Arbeit mit Jugendlichen und Engagement für die Schöpfung
Wir hängen Nistkästen auf und beobachten Fledermäuse und Vögel. Auf Jugendkonferenzen suchen wir nach Möglichkeiten, das eigene Leben nachhaltiger zu gestalten. Die Arbeit des ZUK ist heute, rund 35 Jahre nach dem Start, aktueller und wichtiger denn je. Im Menschen gibt es eine große Sehnsucht nach unmittelbarer Schöpfungserfahrung, auch wenn er naturfern aufgewachsen ist. Das finden Kinder, Jugendliche und Erwachsene bei uns.
Krankheit, Übergabe von Verantwortung und neuer Lebensabschnitt
Vor einigen Jahren habe ich die Leitung des ZUK aus alters- und gesundheitlichen Gründen an einen engagierten jungen Kollegen übergeben, dem ich sehr vertraue. Zum einen war es für mich mit 70 Jahren an der Zeit, eine so große Einrichtung nicht mehr alleine weiterzuführen. Der eigentliche Grund war jedoch, dass ich Nierenkrebs hatte und die Prognose nicht gut war. Heute geht es mir wieder besser und das Klosterland ist immer noch meine Welt.
Nach wie vor bin ich für die 450 Hektar Land zuständig. Ich kümmere mich um den Naturschutzbereich und arbeite junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter ein. Das Klosterland von Benediktbeuern ist mein zu Hause. Bei Sonne, Wind und Wetter bin ich hier unterwegs. Besonders begeistern mich die großen Moore, die wir renaturieren. Sie sind ein wertvoller Mikrokosmos, filtern und speichern CO² aus der Luft, dienen als Grundwasserspeicher und dem Hochwasserschutz und beheimaten seltene Pflanzen und Tiere.
Glaube, Natur und gelebte Berufung
Ich bin immer noch staunender Beobachter, immer noch Lernender. Eine prachtvolle Blüte, interessante Wolkenformationen, die unglaubliche Fülle der heimischen Tier- und Pflanzenwelt, das atemberaubende Erlebnis, auf einem Berg zu stehen: Darin spiegelt sich mein religiöses Selbstverständnis, meine Gottesbeziehung, meine Verbindung zu Don Bosco. In der Natur fühle ich mich tief verbunden mit allem, was existiert, verstehe mich als Mitgeschöpf und darf begleiten, schützen, fördern und weiterentwickeln.
Seit meiner ewigen Profess, habe ich meinen Weg im Orden nie mehr angezweifelt. Es ist großartig, was unsere Gemeinschaft leistet, wie aktuell unsere Berufung ist, wie begeistert und engagiert die Salesianer-Familie Jugendlichen zur Seite steht. Umweltbildung ist besonders wichtig in einer Zeit, in der eine junge Generation die Zukunft als ungewiss erlebt und sich oft machtlos fühlt. Auch unsere erwachsenen Gäste bringen oft eine tiefe Erschöpfung mit.
Es ist mir ein Anliegen, ihnen zuzuhören, sie zu verstehen und zu begleiten. Ob hier bei uns in Oberbayern oder bei Exerzitien auf einer Nordseeinsel, immer geht es darum, die Natur an sich heranzulassen. Im Klosterland pflanzen wir Bäume, legen Blumenwiesen und Biotope an, geben dem Leben eine Chance. Das macht Hoffnung. Der Schöpfung und den Menschen zu begegnen, bedeutet für mich, Gott zu suchen und offen zu werden für die Spuren seiner verborgenen Gegenwart. Diese Aufgabe macht mein Leben jeden Tag spannend und sinnvoll – gerade im letzten Abschnitt meines Lebens.
Protokoll: Janina Mogendorf




