Eine Frau und ein Junge tauschen lächelnd etwas Kleines in einer Türöffnung aus, im Hintergrund eine gelbe Wand mit Gitterfenster.

Aufsuchende Straßensozialarbeit in Bolivien Evelia aus Santa Cruz

Evelia Ruiz ist Straßensozialarbeiterin bei Don Bosco in Santa Cruz. Im Interview erzählt sie, was sie an ihrer Arbeit begeistert und wie viele Jugendliche von der Straße geholt werden können.

Im Einsatz für Straßenkinder

Auf den Straßen von Santa Cruz in Bolivien leben viele Kinder und Jugendliche ohne Schutz. Ihr Alltag ist geprägt von Dreck, Hunger und großen Gefahren. Don Bosco setzt sich mit aufsuchender Straßensozialarbeit für diese Kinder ein. Sozialarbeiterinnen wie Evelia Ruiz gehen behutsam auf die Straßenkinder zu und bieten Hilfe an.

Straßenkindern helfen

Einblicke in Evelias Arbeit

Evelia im Interview

Evelia Ruiz ist Straßensozialarbeiterin bei Don Bosco in Santa Cruz. Im Video erzählt sie, was sie an ihrer Arbeit begeistert und wie viele Jugendliche von der Straße geholt werden können.

"Wir sind eine Familie" Sozialarbeiterin Evelia über die Soziale Arbeit in Bolivien

Was motiviert dich, jeden Tag auf die Straße zu gehen?

Meine Motivation geht tiefer, als nur helfen zu wollen. Es begeistert mich, wenn wir auch nur einem von zehn Jugendlichen helfen können, von der Straße zu kommen. Diese Kinder schaffen es, wieder zur Schule zu gehen, ihre Zukunft zu planen und ein stabiles Zuhause zu finden.

Das macht mich glücklich und motiviert mich, jeden Tag aufs Neue für sie da zu sein. Es geht darum, ihnen Werkzeuge an die Hand zu geben, damit sie ihr Leben verändern können – und das funktioniert, weil wir nicht aufgeben.

Porträt einer Frau mit dunklen Haaren und ernstem Blick, die eine Jacke mit "Proyecto Don Bobo"-Logo trägt, vor Bücherregalen.

Warum ist das Don Bosco Projekt in Santa Cruz so einzigartig?

Mein Kollege José Flores und ich sind die Einzigen, die jeden Tag sieben Stunden auf der Straße bei den Jugendlichen sind. Das macht den Unterschied, denn nur so können wir Vertrauen aufbauen und sie ermutigen, dem Leben auf der Straße den Rücken zu kehren.

Wir reden über ihre Herkunft, Gesundheit und mögliche Schritte in ein neues Leben. Ohne uns wären diese Kinder auf sich allein gestellt. Staatliche Einrichtungen reagieren oft nur, wenn es Beschwerden gibt, und zwingen die Kinder in Notunterkünfte, aus denen viele wieder fliehen. Wir dagegen begleiten sie mit Respekt und Geduld, bis sie bereit sind, einen Neustart zu wagen.

Leben auch Mädchen und junge Frauen auf der Straße?

Ja, und Mädchen haben leider oft schon viel Schlimmes erlebt. Das macht die Arbeit mit ihnen sehr herausfordernd. Ich habe viele Mädchen und junge Frauen kennengelernt, die um die 18 Jahre alt sind und schon zu viel erlebt haben. Für sie ist der Alltag viel schwieriger – die Arbeit mit ihnen ist auch herausfordernder. Denn obwohl sie wirklich möchten, fällt ihnen der Schritt in ein Heim oder zu einer Anlaufstation sehr schwer. Weil sie schlechte Erfahrungen gemacht haben – eben weil sie Frauen sind.

Zu mir als weiblichem Streetworker fassen sie schnell Vertrauen. Sie können mit mir anders über ihre Gesundheit und ihre Probleme reden als mit einem Mann. Das hilft ihnen sehr. Ich begleite viele von ihnen zu Arztterminen, zum Frauenarzt und durch Schwangerschaften oder helfe bei der Jobsuche. Wir haben dann ein ganz besonders vertrauensvolles Verhältnis. In dem ich in diesen Momenten für sie da bin, hören sie auch auf meine Ratschläge. Sie hören mir zu, wenn ich ihnen kleine Workshop gebe oder über ein spezielles Thema spreche. So bekommen sie eine Orientierung und sind motiviert, den nächsten Schritt zu machen.

Kannst du ein Beispiel von einem Mädchen auf der Straße erzählen?

Da war zum Beispiel dieses eine Mädchen. Sie war 13 Jahre alt, als ich sie kennenlernte. Da lebte sie schon auf der Straße. Sie redete nicht viel, aber mit der Zeit und meinen täglichen Besuchen kamen wir uns näher. 

Mit 14 oder 15 Jahren wurde sie schwanger. Ich habe sie durch die gesamte Schwangerschaft begleitet, war bei allen Kontrolluntersuchungen dabei. Uns ist es gelungen, ihr staatliche Unterstützung zu besorgen. Wir konnten sie in einem Heim für junge Mütter unterbringen, weil auch der Kindsvater obdachlos war.

Von dort aus haben wir es dann sogar geschafft, Kontakt mit ihrer Familie aufzunehmen, die in einem anderen Bundesland wohnt. Jetzt lebt das Mädchen wieder bei ihrer Mutter. Wir haben ab und zu Kontakt. Sie schreibt mir, wie groß ihr Sohn geworden ist. Das ist so schön! Das sind die Erfolge, die mich weiterhin motivieren anderen zu helfen.

Was braucht das Projekt am dringendsten, um noch mehr zu erreichen?

Unser Team braucht dringend Verstärkung. Ein oder zwei weitere Streetworker könnten uns helfen, mehr Kinder zu erreichen. Auch mehr Mittel für Medikamente sind essenziell, denn viele Kinder leiden unter Krankheiten wie Tuberkulose.

Zudem wünschen wir uns eine modernisierte Infrastruktur für unser Zentrum Techo Pinardi.Ein gemütlicher Ort, der wie eine Familie wirkt, gibt den Jugendlichen das Gefühl von Geborgenheit – ein Gefühl, das sie oft nie zuvor erlebt haben.

Deine Hilfe für Kinder und Jugendliche in Bolivien & weltweit

Eine junge Person mit langen dunklen Haaren und dunkler Haut blickt ernst in die Kamera, mit gesprenkeltem Sonnenlicht und Schatten im Gesicht.

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Häufige Fragen zum Thema Straßenkinder & Soziale Arbeit

„Youth at Risk“ bezeichnet junge Menschen, deren Entwicklung durch schwierige Lebensumstände erheblich gefährdet ist. Dazu zählen Armut, Gewalt, fehlender Zugang zu Bildung, Flucht, Diskriminierung oder Konflikte mit dem Gesetz. Der Begriff beschreibt nicht die Persönlichkeit der Jugendlichen, sondern die Risiken ihrer Lebenssituation.

Straßenkinder sind Kinder und Jugendliche, die zeitweise oder dauerhaft ohne festen Wohnsitz leben und den größten Teil ihres Alltags im öffentlichen Raum verbringen. Sie sind häufig auf sich allein gestellt, arbeiten oft informell, um zu überleben, und sind besonders gefährdet durch Armut, Ausbeutung, Gewalt oder fehlenden Schutz. Straßenkinder gibt es weltweit – auch in Deutschland – und sie benötigen gezielte Unterstützung, um Sicherheit, Bildung und Perspektiven zu erhalten.

Schätzungen zufolge leben rund 100 Millionen Kinder ganz oder zeitweise auf der Straße. Verlässliche Zahlen sind schwer zu erheben. Häufige Gründe sind extreme Armut, familiäre Gewalt, Vernachlässigung, Krieg, Flucht oder der Verlust der Eltern. Straßenkinder sind besonders gefährdet durch Ausbeutung, Missbrauch und fehlenden Schutz.

Ja. Auch in Deutschland leben Minderjährige zeitweise ohne festen Wohnsitz oder halten sich überwiegend im öffentlichen Raum auf. Die Ursachen liegen meist in familiären Konflikten, Gewalt oder Überforderung im Elternhaus. Die Betroffenen wechseln häufig zwischen Notunterkünften, Bekannten und der Straße.

Als „schwer erreichbar“ gelten junge Menschen, die von bestehenden Bildungs- und Hilfesystemen kaum erreicht werden. Oft leben sie in instabilen Verhältnissen, haben negative Erfahrungen mit Institutionen gemacht oder sind bereits aus Schule, Ausbildung oder Jugendhilfe herausgefallen.

Nein, der Begriff ist nicht auf Deutschland beschränkt. Weltweit gibt es junge Menschen, die durch Armut, Gewalt, fehlenden Zugang zu Bildung, Flucht oder instabile Lebensverhältnisse kaum erreicht werden. International wird dafür häufig der Begriff „hard-to-reach“ oder der Fachbegriff Youth at Risk verwendet.

Eine genaue Zahl gibt es nicht, in Deutschland sind aber zehntausende Jugendliche schwer erreichbar. Häufige Gründe sind Armut, familiäre Konflikte, psychische Belastungen, Gewalterfahrungen, Suchterkrankungen, Schulabbrüche oder fehlendes Vertrauen in staatliche Hilfesysteme. Auch weltweit stehen Millionen Jugendliche vor ähnlichen Herausforderungen. In vielen Ländern fehlen jedoch ausreichende Unterstützungsangebote.

Die Gründe sind vielfältig und häufig sozial bedingt. Dazu gehören Armut, fehlende Bildung, Leben auf der Straße oder mangelnde familiäre Unterstützung. Viele Jugendliche geraten wegen Diebstählen, im Umfeld von Banden oder im Zusammenhang mit Drogenhandel und Kinderprostitution mit dem Gesetz in Konflikt. Hinter den Straftaten stehen oft Perspektivlosigkeit und soziale Notlagen.

Weltweit befinden sich mehrere hunderttausend Minderjährige in Haft – in Untersuchungshaft, Strafvollzug oder geschlossenen Einrichtungen. Die Bedingungen unterscheiden sich stark je nach Land. In vielen Regionen leben gefangene Jugendliche unter unwürdigen Bedingungen. Es fehlen Bildungsangebote, rechtliche Unterstützung und eine angemessene Betreuung.

Bereits Johannes Bosco setzte sich im 19. Jahrhundert für Jugendliche im Gefängnis ein. Er war überzeugt, dass junge Menschen Begleitung und Bildung benötigen, um ihr Leben neu auszurichten. Don Bosco führt dieses Engagement weltweit fort, insbesondere im Bereich Jugendstrafvollzug und Resozialisierung.

Noch Fragen? Unser Team ist gern für dich da!

Zwei lächelnde Frauen mit grauen Haaren, eine mit schulterlangen Wellen, die andere mit kurzen, stacheligen Haaren.
Tanja Kabon & Inés Bautz