Ein bisher unbekannter Ort des Gedenkens Der neue selige Salesianermärtyrer Franciszek Miśka

Von den allermeisten Opfern, die dem Rassenwahn der Nazis zum Opfer fielen, gibt es leider keine sterblichen Überreste. Die Asche unzähliger ermordeter und in den Krematorien verbrannter Opfer wurde oftmals auf menschenverachtende Weise in Wäldern verscharrt, auf freien Flächen oder in Flüssen und Teichen verstreut oder sogar zur Düngung von Feldern und Wiesen genutzt. So gibt es auch im Fall der im Konzentrationslager Auschwitz getöteten neuen Seligen Pater Jan Świerc und sieben seiner Gefährten, die zwischen Juni 1941 und September 1942 starben, keine sterblichen Überreste und damit auch keine individuellen Orte des Gedenkens.
Eine Ausnahme ist jedoch P. Franciszek Miśka (* 05.12.1898, + 30.05.1942), der ebenfalls zu den neun Salesianermärtyrern gehört, die am 6. Juni in Krakau seliggesprochen wurden. Anders als die anderen neuen Seligen wurde er zunächst in der von den Nazis zum Priestergefängnis umfunktionierten salesianischen Niederlassung von Ląd, deren Direktor er war, inhaftiert. Später wurde er in das 30 km nördlich von München gelegene KZ Dachau verschleppt, wo er am 30.10.1941 eingeliefert wurde. Schon wenige Monate später erlag er am 30.05.1942 den unmenschlichen Haftbedingungen und den Torturen des Wachpersonals.
Sein Name findet sich neuerdings für alle sichtbar auf einer der Glastafeln der KZ-Gedenkstätte Ehrenhain I auf dem Münchener Friedhof am Perlacher Forst, der sich an der Stadelheimer Straße im Münchener Stadtteil Obergiesing befindet.

Nach dem Ende des 2. Weltkriegs wurden im Krematorium des Münchener Ostfriedhofs fast 4.000 Urnen mit der Asche von zahlreichen Opfern des Nationalsozialismus gefunden. Es waren die sterblichen Überreste von Angehörigen aller Opfergruppen: Juden, Sinti und Roma, Zeugen Jehovas, Homosexuelle, sogenannte „Asoziale“ und „Kriminelle“, politische Widerständler, katholische Geistliche. Über 3.000 der Urnen beinhalteten die Asche von Opfern aus dem KZ Dachau, die zwischen 1933 und 1942 dort starben und deren Leichen dann verbrannt wurden. Die anderen Urnen enthielten die Asche von Opfern aus anderen Konzentrationslagern und Tötungsanstalten. Über 2.000 der Opfer aus Dachau waren polnische Bürger, die mit 40.700 Gefangenen die größte Häftlingsgruppe in Dachau bildeten. Zu ihnen gehörten vor allem Intellektuelle, Beamte, Geistliche und andere aus der Führungsschicht, die als Gegner des NS-Regimes galten.
Im Jahre 1950 errichtete die Stadt München zum Gedenken an diese Opfer des NS-Terrors auf dem Friedhof am Perlacher Forst einen Ehrenhain. Unter 44 Grabplatten befinden sich übereinander gestapelt in kleinen Grabkammern die Urnen von 3.996 KZ- und Euthanasieopfern, deren Namen fast alle bekannt sind. Bis vor wenigen Jahren erinnerte nur ein relativ unauffälliger Stein an all diese Opfer.
Im Sommer 2021 wurde der Ehrenhain völlig neugestaltet: Um ein leeres Bassin, das die Mitte der Gedenkstätte darstellt, sind nun 12 Glastafeln aufgestellt, auf denen, nach den 17 Herkunftsländern geordnet, die Namen der 3.972 identifizierten Opfer festgehalten sind. Das ist ein sehr wichtiger Beitrag, um die Opfer dem Vergessen zu entreißen. Indem ihre Namen nun öffentlich und für jedermann sichtbar aufgeschrieben sind, soll ihnen aber auch ihre Würde zurückgegeben werden. Denn es gehörte zu den entwürdigenden Maßnahmen in den Konzentrationslagern, dass die Inhaftierten ihrer Namen beraubt wurden und sie nur noch mit Nummern genannt wurden. Hinter jedem Namen stehen eine individuelle Biographie und ein Einzelschicksal; die Nennung des Namens entreißt das NS-Opfer der Anonymität und macht die Erinnerung an eine konkrete Person und ihr Schicksal möglich.
Bei der Neugestaltung des Ehrenhains wurde auch deutlich, dass sich unter den bestatteten Urnen auch die sterblichen Überreste von 216 polnischen Geistlichen befinden, von denen inzwischen einige von der katholischen Kirche seliggesprochen wurden.
Das KZ Dachau stellte mit dem sogenannten Priesterblock ein Zentrum der Verfolgung von Geistlichen dar. Insgesamt waren dort fast 2.800 Bischöfe, Priester und Ordensleute und Geistliche anderer Konfessionen aus dem ganzen besetzten Europa inhaftiert; die meisten von ihnen (1.780) stammten aus Polen, von denen mit 868 etwa die Hälfte in Dachau ums Leben kamen.

In der Liste der polnischen Opfer findet sich auch der Name „MIŚKA Franciszek 1898-1942“. Merkwürdig ist, dass dieser Name – im Unterschied zu den anderen Priestern – nicht durch ein „x“ gekennzeichnet ist, woran man laut Informationstafel am Eingang des Ehrenhains die 216 polnischen Geistlichen erkennen kann.
Eine Nachfrage bei der zuständigen Friedhofsverwaltung ergab die Auskunft: „In unseren Listen steht unter der lfd. Nummer 35, Urne 669: Franz Mischka, geboren 05.12.1898, in Tannendorf, verstorben am 30.05.1942 in Dachau.“ „Mischka“ stellt dabei die eingedeutschte Schreibweise des polnischen Namens „Miśka“ dar. Der Lebensbeschreibung von P. Miśka ist zu entnehmen, dass dieser in Świerczyniec geboren ist. Aus der Positio ist bekannt, dass „Tannendorf“ die deutsche Übersetzung des polnischen Ortsnamens Świerczyniec ist. So spricht alles dafür, dass sich an der angegebenen Stelle im Ehrenhain I auf dem Friedhof am Perlacher Forst in München die sterblichen Überreste des neuen Seligen P. Franciszek Miśka befinden.
Insgesamt ist Franciszek Miśka nun der achte Selige, dessen sterbliche Überreste auf dem Ehrenhain I bestattet sind. Unter den sieben anderen befindet sich auch der selige Michał Woźniak (1875-1942), welcher der Salesianischen Familie in Polen gut bekannt ist: Er ist ein Ehemaliger Don Boscos, der von 1897-1900 das Gymnasium in Valdocco besuchte, später Diözesanpriester wurde und als Pfarrer in Kutno für die jungen Menschen seiner Pfarrei ein Oratorium im Geist Don Boscos gründete.
Die Liste der kirchlich anerkannten seligen und heiligen Märtyrer von Dachau ist mit der Seligsprechung von P. Franciszek Miśka auf 63 Selige angewachsen; heiliggesprochen ist der niederländische Karmelitenpater Titus Brandsma (1881-1942). In den Martyrologien der verschiedenen Länder finden sich viele weitere. Das Erzbistum München und Freising gedenkt ihrer seit 2017 mit einem eigenen Gedenktag am 12. Juni. Dieser Tag wurde bewusst gewählt, weil es auch der Gedenktag der 108 seligen Märtyrer des NS-Gewaltherrschaft in Polen ist, die Papst Johannes Paul II. am 13. Juni 1999 in Warschau seliggesprochen hat. Am 12. Juni wird in der Münchener Ortskirche künftig auch das Gedächtnis des seligen Salesianermärtyrers Franciszek Miśka begangen.
Insgesamt waren im KZ Dachau 32 Salesianer Don Boscos inhaftiert: zwei deutsche, ein belgischer, ein österreichischer, ein tschechischer (der spätere Kardinal Štěpán Trochta, 1905-1974) und 27 polnische Salesianer. 25 von ihnen waren Priester, zwei Brüder und fünf waren in Ausbildung. 10 Salesianer starben in Dachau an den dortigen Misshandlungen, einer wurde kurz vor der Befreiung des Lagers freigelassen; 21 Salesianer gehörten zu denen, die völlig ausgezehrt und entkräftet am 29. April von der 7. US-Armee befreit wurden und ihr ganzes Leben and den Folgen der unmenschlichen Haftbedingungen zu tragen hatten.
Und noch etwas ist bemerkenswert: P. Franciszek Miśka hat seine letzte Ruhestätte unweit der Grabstätte der Münchener Salesianergemeinschaft gefunden. Sie wird sein Gedächtnis und seine Verehrung künftig in besonderer Weise einschließen und ihn in diesen bewegten Zeiten um seine Fürsprache anrufen, vereint mit vielen Verehrern in der polnischen Heimat des neuen Seligen.
Text und Fotos: P. Reinhard Gesing
Neun Salesianermärtyrer in Krakau seliggesprochen Zeugnis von Glauben, Hoffnung und Versöhnung
In Krakau wurden neun Salesianer Don Boscos seliggesprochen, die während der nationalsozialistischen Verfolgung in Auschwitz und Dachau ihr Leben verloren. An den Feierlichkeiten nahm auch eine deutsche Delegation unter Leitung von Provinzial P. Reinhard Gesing teil. Die neuen Seligen stehen für ein Glaubenszeugnis, das bis heute Mut macht und Wege der Versöhnung eröffnet.
Mehr erfahren