Mit Mut, Hoffnung und Hingabe Über eine Haltung, die bis heute relevant ist
Wenn wir heute auf Rudolf Lunkenbein und Simão Bororo blicken, begegnen uns zwei Lebensgeschichten, die bis heute berühren und inspirieren.
Ihr Leben und Wirken eröffnet unterschiedliche Perspektiven auf Fragen von Mission, Gerechtigkeit, Glauben, Verantwortung und dem Zusammenleben von Kulturen. Dabei bleiben ihre Geschichten bewusst vielschichtig und laden dazu ein, genauer hinzusehen.
Dieser Text möchte diese Vielfalt nicht vereinfachen, sondern zentrale Impulse sichtbar machen. Deshalb stellen wir drei Haltungen in den Mittelpunkt, die sich wie ein roter Faden durch das Leben von P. Rudolf Lunkenbein und Simão Bororo ziehen und auch heute Orientierung geben können. Sie verstehen sich nicht als fertige Antworten, sondern als Einladung zur persönlichen und gemeinsamen Auseinandersetzung mit den Fragen unserer Zeit.
Mut, der bleibt. Hoffnung, die wächst. Hingabe, die verändert. Zwei Lebensgeschichten, die bis heute inspirieren.
Rudolf Lunkenbein und Simão Bororo stehen für eine Haltung, die bis heute relevant ist: Mut, Hoffnung und Hingabe als Antwort auf Unrecht und Gewalt.
Was an Rudolf Lunkenbein fasziniert, ist nicht allein sein Aufbruch in den Amazonas Regenwald, sondern die innere Bewegung, die dieser Weg in ihm ausgelöst hat. Er ging nach Brasilien getragen von einem tiefen Vertrauen in Gott und der Überzeugung, dass das Evangelium eine befreiende Kraft für das Leben aller Menschen ist. Dieser Glaube machte ihn offen für echte Begegnung. Er lernte Sprache und Kultur der Bororo, lebte ihren Alltag mit und ließ sich auf ihre Sicht der Welt ein. In ihrer Art zu leben und zu glauben erkannte er Werte, die auch sein eigenes Verständnis von Kirche und Evangelium veränderten.
Mit Hoffnung
Diese Nähe hatte Konsequenzen. Lunkenbein erlebte eine Gemeinschaft, die durch Enteignung, Gewalt und Perspektivlosigkeit in eine existenzielle Krise geraten war. Der Gebärstreik der Bororo – die bewusste Entscheidung, kein neues Leben mehr in eine als aussichtslos empfundene Zukunft zu setzen – erschütterte ihn tief. Lunkenbein verstand diese Entscheidung nicht als kulturelle Besonderheit, sondern als Ausdruck von Leid und Hoffnungslosigkeit. Aus seinem Glauben heraus hielt er dennoch daran fest, dass Leben wieder möglich ist: nicht durch Belehrung oder Druck, sondern durch gemeinsames Suchen nach Wegen, Würde zu schützen und Zukunft zu ermöglichen. Weil er Hoffnung sah, fanden auch andere sie wieder.
Mit Mut
Mutzeigt sich in Lunkenbeins Leben nicht als spektakuläre Tat, sondern als klare Haltung. Als die Landrechte der Bororo bedroht waren, blieb er nicht neutral. Er stellte sich an ihre Seite, unterstützte ihren Einsatz für Anerkennung und wusste um die Morddrohungen, die damit verbunden waren. Dennoch wich er nicht. Dieser Mut wuchs aus der Überzeugung, dass menschliche Würde nicht verhandelbar ist und dass Glaube dort konkret wird, wo Menschen füreinander einstehen.
Sein Mut zeigte sich zugleich darin, vertraute Glaubens- und Missionsvorstellungen zu hinterfragen. Lunkenbein suchte neue Wege, das Evangelium zu verkünden und zu leben. Er passte die Liturgie an, nahm kulturelle Ausdrucksformen der Bororo auf und ließ ihre Musik, Symbole und Rituale Teil des kirchlichen Lebens werden. Diese Haltung war auch innerhalb der Kirche nicht selbstverständlich und blieb nicht unwidersprochen. Die befreiungstheologische Option für die Armen, die sein Handeln prägte, stellte bestehende Denk- und Machtstrukturen infrage und erforderte den Mut, Spannungen auszuhalten.
Mit Hingabe
Seine Hingabe zeigte sich darin, dass er bereit war, vertraute Formen zu verändern. Hingabe bedeutete für ihn Beziehung: Dialog, Freundschaft und Leben auf Augenhöhe. Er ließ sich auf einen gemeinsamen Weg ein, der alle Beteiligten veränderte. Hingabe meint bei Lunkenbein eine bewusste Ganzhingabe an seine Berufung. Er stellte sein Leben ohne Absicherung in den Dienst der Menschen, zu denen er sich gesandt wusste. In seinem Handeln klingt sein Primizspruch an: „Ich bin gekommen, zu dienen und dafür das Leben zu geben“ (Mt 20,28). Hingabe erscheint hier als selbstlose Liebe, die aus dem Glauben an Christus erwächst.
Zentral ist, dass Lunkenbein nicht allein erinnert wird. Mit ihm starb Simão Bororo, ein Anführer der Bororo, der den Widerstand gegen die Enteignung seines Volkes mittrug. Ihr gemeinsamer Einsatz war getragen von Vertrauen und dem Entschluss, Leid nicht hinzunehmen.
Wenn die Kirche heute an Lunkenbein und Simão Bororo erinnert, dann nicht, um die Vergangenheit zu idealisieren oder einfache Antworten zu geben. Ihre Geschichte lädt dazu ein, das eigene Handeln zu befragen: wie Nähe zu Verantwortung wird, wie Hoffnung auch unter schwierigen Bedingungen getragen werden kann und wie Hingabe als Beziehung gelebt wird.
Mut, Hoffnung und Hingabe sind auch Antworten auf eine Gegenwart, die von globalen Ungleichheiten, wirtschaftlichem Druck, Landkonflikten und wachsender Gleichgültigkeit geprägt ist. Lunkenbein und Simão Bororo erinnern daran, dass Vertrauen, Beziehung und der Einsatz für Gerechtigkeit Voraussetzungen dafür sind, dass Zukunft möglich bleibt – damals wie heute.
Ulla Fricke