Sprache bewusst gestalten

Sprache prägt, wie wir Geschichte erzählen und Menschen begegnen. Dieses Papier möchte Orientierung für eine respektvolle und zeitgemäße Sprache im Kontext von Rudolf Lunkenbein, Simão Bororo und der Geschichte der Bororo geben.

Sprache prägt, wie wir Geschichte erzählen und Menschen begegnen.

Wie wir über Geschichte sprechen, prägt auch unser Verständnis von Menschen, Verantwortung und Erinnerung. Die Auseinandersetzung mit Rudolf Lunkenbein und Simão Bororo bewegt sich in einem sensiblen historischen und sprachlichen Kontext, der bis heute von kolonialen Erfahrungen, Fragen der Gerechtigkeit und dem Umgang mit kultureller Identität geprägt ist.

Gerade die Geschichte der Mission ist eng mit diesen Spannungen verbunden: Neben Engagement, Bildung und Solidarität gab es immer auch Formen von Überheblichkeit, kultureller Abwertung und Bevormundung. Diese Ambivalenzen wirken bis heute nach – in Sprache, Bildern und in unserem Verständnis von „Hilfe“.

Diese Seite möchte Orientierung für eine respektvolle, zeitgemäße und differenzierte Sprache geben. Es lädt dazu ein, Begriffe bewusst zu wählen, koloniale Muster zu hinterfragen und die Perspektiven indigener Gemeinschaften sichtbar zu machen. Im Mittelpunkt stehen dabei Würde, Partnerschaft, gemeinsames Lernen und eine Erinnerungskultur, die Rudolf Lunkenbein und Simão Bororo gleichwertig würdigt.

Sprachliche Leitfragen

Wir sprechen nicht nur von „Missionar", sondern auch von Begleiter und Anwalt: Rudolf Lunkenbein verkündigte nicht nur, sondern lebte Beziehungen, übernahm Verantwortung und setzte sich konkret für die Rechte der Bororo ein.

Viele Begriffe aus älteren Missions- und Kirchentexten wirken heute kolonial oder herabsetzend. Ziel ist deshalb eine Sprache, die Würde, Eigenständigkeit und Perspektive der Bororo sichtbar macht.

Wenn wir über Rudolf Lunkenbein sprechen, dann nicht als „Retter“, sondern als jemand, der sich auf eine Gemeinschaft eingelassen hat, von ihr gelernt hat und gemeinsam mit ihr für Zukunft eingetreten ist.

Weil seine Rolle für die Geschichte von Meruri, für die Gemeinschaft und für die Ereignisse von 1976 zentral ist. Die Erinnerung an beide gehört untrennbar zusammen. 

Weil Fragen nach:

  • Land

  • kultureller Identität

  • Gerechtigkeit

  • Solidarität

  • Zivilcourage

  • verantwortlichem Helfen

bis heute aktuell sind.

Glossar zentraler Begriffe

Heutiger Begriff für das öffentliche Eintreten für Menschen, deren Rechte bedroht sind. Im Fall Lunkenbein beschreibt dies seinen Einsatz gegenüber Behörden, Kirche und Politik für die Anerkennung der Rechte der Bororo.

Indigenes Volk in Mato Grosso (Brasilien), mit eigener Sprache, Ritualtradition und engem Bezug zu Land, Gemeinschaft und kultureller Identität. Im Kontext der Publikation werden die Bororo nicht nur als „historischer Hintergrund“, sondern als eigenständige Akteure, Partner und Träger einer lebendigen Gegenwartsgeschichte sichtbar.

Ein Weg kirchlichen Handelns, bei dem Glaube nicht kulturell übergestülpt, sondern in Beziehung zur Lebenswelt, Sprache, Symbolik und Spiritualität einer Gemeinschaft gebracht wird. Bei Lunkenbein zeigt sich das etwa in Liturgie, Musik, Symbolen und Bildungsarbeit.

Für indigene Gemeinschaften ist Land nicht nur Besitz, sondern Grundlage von:

  • Identität

  • Gemeinschaft

  • Ernährung

  • Spiritualität

  • Zukunft

Im Fall der Bororo sind Landrechte zentral für das Überleben der Kultur.

Im heutigen Verständnis nicht primär „etwas bringen“, sondern:

  • Beziehung ermöglichen

  • zuhören

  • Glauben lebensnah teilen

  • gemeinsam nach Hoffnung und Zukunft fragen

  • sich an die Seite benachteiligter Menschen stellen

Im Kontext Lunkenbeins ist Mission immer verbunden mit:

  • Präsenz

  • Dialog

  • Inkulturation

  • Gerechtigkeit

  • konkreter Solidarität

Indigener Bororo aus Meruri, enger Weggefährte und Freund Rudolf Lunkenbeins. Er war Katechet, Handwerker, Gemeindemitglied und wichtige Vertrauensperson innerhalb der Gemeinschaft. Gemeinsam mit Lunkenbein setzte er sich für die Zukunft der Bororo ein und wurde 1976 ebenfalls erschossen.

Begriffe, die wir bewusst stärken

  • indigene Gemeinschaft
  • Bororo
  • kulturelle Identität
  • Landrechte
  • Selbstbestimmung
  • Verantwortung
  • Würde
  • Partnerschaft
  • gemeinsames Lernen
  • Glaube im Dialog
  • Zukunft ermöglichen

Begriffe, die wir vermeiden

  • Indianer
     → historisch belastet und pauschalisierend
     → besser: indigene Gemeinschaft, indigenes Volk, Bororo 
  • Stamm
     → wirkt vereinfachend und kann hierarchische oder stereotype Bilder erzeugen
     → besser: Gemeinschaft, Volk, Bororo-Gesellschaft 
  • Häuptling
     → kolonial geprägter Sammelbegriff
     → besser: indigene Führungsperson, traditioneller Verantwortungsträger, Gemeindeleitung 
  • Naturvolk / Urvolk
     → romantisierend und entkontextualisierend
     → besser: indigene Gemeinschaft mit eigener Kultur und Geschichte 
  • Missionieren im Sinn von „bekehren“
     → zu einseitig und nicht passend zum heutigen Missionsverständnis
     → besser: begleiten, Glauben teilen, gemeinsam Glauben leben 
  • Retter / Helfer der Bororo, Simao Bororo „als treuer Freund“
     → reproduziert White-Saviour-Muster
     → besser: Begleiter, Verbündeter, Anwalt ihrer Rechte, enger Freund, Weggefährte
  • Indianerreservat
     → besser: indigenes Territorium