Provinzial P. Reinhard Gesing: „Hoffnung fällt nicht einfach vom Himmel.“

Veröffentlicht am: 24. Januar 2026
Portraitfoto von Pater Reinhard Gesing

Provinzial Pater Reinhard Gesing SDB

Globale Krisen prägen die Lebenswirklichkeit vieler junger Menschen: Pandemie, Kriege, soziale Unsicherheiten, persönliche Brüche. Besonders Jugendliche, die ohnehin mit schwierigen Startbedingungen leben, geraten schnell an ihre Grenzen. Ein Gespräch mit Provinzial Pater Reinhard Gesing darüber, wie junge Menschen diese Zeit erleben, warum psychische Belastungen zunehmen – und welche Rolle Hoffnung in der Pädagogik Don Boscos spielt.

Interview: Katharina Hennecke

Wie erleben Sie junge Menschen derzeit?

P. Reinhard Gesing: Wenn ich junge Menschen in unseren Einrichtungen treffe, geschieht das oft bei besonderen Anlässen – etwa bei Jubiläen oder im Rahmen von Visitationen. Das sind meist sehr schöne Begegnungen, die etwas von der Lebensfreude der jungen Menschen spüren lassen.

Wie es jungen Menschen insgesamt geht, hängt stark von ihrer jeweiligen Lebenssituation ab: von familiären Verhältnissen, von Schule oder Ausbildung, von der konkreten Phase ihres Jugendalters.

Was wir in allen Einrichtungen erleben, ist eine deutliche Zunahme psychischer Belastungen. Depressionen, Formen von Autoaggression und ein hoher Bedarf an psychologischer oder psychiatrischer Unterstützung kommen unter Kindern und Jugendlichen leider deutlich häufiger vor als früher. Das wird mir von Verantwortlichen überall ähnlich berichtet – nicht nur in Deutschland, sondern auch international.

Worin sehen Sie die Ursachen für diese Entwicklung?

Diese Entwicklung hat mehrere Ursachen. Ein entscheidender Punkt ist, dass junge Menschen heute viel unmittelbarer und dauerhafter mit Krisen konfrontiert sind als frühere Generationen. Für viele war die Corona-Zeit ein massiver Einschnitt: Sie haben konkret erlebt, was eine globale Krise für ihren Alltag bedeutet – vor allem den Verlust von Kontakten, Freundschaften und Freizeitmöglichkeiten oder auch von Zukunftsperspektiven.

Hinzu kommt der Einfluss sozialer Medien. Krisen sind heute permanent präsent, oft ungefiltert. Wer viel Zeit in sozialen Medien verbringt, erlebt Krisen sehr intensiv und dauerhaft. Außerdem nehmen junge Menschen wahr, dass die Verantwortlichen oft keine einfachen Lösungen haben oder über Lösungswege uneins sind und dass die jungen Menschen bei der Suche nach Lösungen wenig einbezogen werden. Ob Pandemie, Kriege, Klimakrise oder gesellschaftliche Konflikte – vieles zieht sich über Jahre oder gar Jahrzehnte hin. Die permanente Erfahrung von ungelösten Problemen verunsichert, und das längst nicht nur junge Menschen.

Trifft das benachteiligte Jugendliche besonders?

Ja, deutlich. Ein stabiler familiärer Hintergrund kann jungen Menschen Sicherheit geben. Wenn dieser fehlt oder brüchig ist – und das ist bei vielen der Fall –, verstärken sich Krisenerfahrungen. Persönliche Probleme, familiäre Konflikte oder die Überforderung der Eltern kommen dann zusammen.

Hoffnung lernen – Don Bosco als Vorbild

Don Bosco lebte selbst in einer Zeit großer sozialer Not. Was können wir von ihm lernen?

Don Bosco hat schon in seiner eigenen Kindheit und Jugend viele Krisen erlebt, z. B. der frühe Verlust des Vaters, materielle Armut, Unsicherheit auf seinem Berufungsweg usw. Er hat sie durchgestanden und ist daran gewachsen. Eine zentrale Grundlage war für ihn dabei der christliche Glaube, den er besonders durch seine Mutter kennengelernt hat. Dieser Glaube war für ihn ein tragender Boden.

Hinzu kam seine im Laufe der Jugendzeit gewachsene tiefe Überzeugung, einen himmlischen Auftrag zu haben: benachteiligten jungen Menschen beizustehen und ihnen einen Platz in Gesellschaft und Kirche zu ermöglichen. Dieses Bewusstsein gab ihm lebenslang die Kraft, den als richtig erkannten Weg zu gehen und dabei auch große Widerstände auszuhalten – politische, gesellschaftliche und kirchliche. Ohne diese innere Gewissheit hätte sein Werk an vielen Stellen scheitern können.

Welche Rolle spielen Beziehungen für Hoffnung?

Eine sehr große. Don Bosco hatte immer wieder Menschen an seiner Seite, die ihn ermutigt haben: seine Mutter, geistliche Begleiter, Freunde, Unterstützer. Menschen, die ihm signalisierten: Du bist auf dem richtigen Weg. Das gilt auch heute. Hoffnung „fällt“ nicht einfach vom Himmel, sie entsteht nicht von selbst. Sie ist zwar auch ein Geschenk, um das wir beten sollen. Als Grundlage braucht sie aber auch positive Erfahrungen. Entwicklungspsychologisch wissen wir: Verlässliche Beziehungen von früh an fördern Grundvertrauen – in sich selbst, in die anderen Menschen, in Gott und ins Leben. Wer solche verlässlichen Beziehungen kontinuierlich erfährt, entwickelt mehr Vertrauen – spürt innere Stärke und kann eher auch durch Krisen hindurch seinen Weg finden.

In unserem christlichen Glauben ist Hoffnung mehr als Optimismus. Wie unterscheidet sich Glaubenshoffnung von bloßem „positiv Denken“?

Hoffnung hat eine Grundlage. Sie ist verankert und trägt auch in Schwierigkeiten und Krisen. Das Wort „hoffen“ hängt sprachgeschichtlich mit dem Wort „hüpfen“ zusammen, das eine erwartungsvolle Bewegung beschreibt. Ein Kind, das hüpft, vertraut darauf, dass da ein fester Boden ist, von dem es getragen wird.

Für die christliche Hoffnung ist dieser Boden der Glaube an Gott und an seinen Sohn Jesus Christus: die Überzeugung, dass unser Leben von Gott getragen ist und dass die Geschichte – trotz aller Krisen und Aufs und Abs – letztlich in Gott ein gutes Ende finden wird.

Optimismus kann etwas Positives sein, und in ihm kann sich auch Hoffnung ausdrücken, aber Hoffnung ist für mich mehr: eine Tugend, d. h. eine Tüchtigkeit, die man sich – oft auch durch Schwierigkeiten hindurch – im Laufe des Lebens aneignen muss. In der christlichen Perspektive ist sie zugleich auch ein Geschenk, um das man immer wieder beten muss.

Don Bosco glaubte fest daran, dass in jedem jungen Menschen Gott am Werk ist. Was bedeutet das?

Don Bosco ist stark vom christlichen Menschenbild geprägt. In der tiefsten Grundaussage heißt das: Jeder Mensch ist von Gott gewollt, ist ein Geschöpf Gottes. Jeder Mensch ist Ebenbild Gottes. Das ist eine zentrale biblische Botschaft – ermutigend und froh machend. Wir dürfen glauben: Gott hat in jeden Menschen positive Anlagen hineingelegt. Diese Anlagen werden geprägt durch Erbanlagen, Erziehung, Umfeld, biographische Erfahrungen usw. – aber es gibt in jedem Menschen diesen „guten Kern“. Theologisch kann man auch sagen: Es gibt einen Ruf, den Gott in jeden Menschen hineingelegt hat.

Eine wichtige Aufgabe von Pädagogik – in Familie, Schule, Ausbildung und in unseren Einrichtungen – ist es, diesen Kern wahrzunehmen, zu entdecken und seine Entwicklung zu fördern, natürlich gemeinsam mit den jungen Menschen.

Wenn junge Menschen erfahren: „Ich kann etwas“, „Ich habe Talente“, „Ich kann wachsen“, „Ich kann in dieser Welt etwas verändern.“, dann macht ihnen das Mut. Solche Erfahrungen stärken das Vertrauen und geben die Zuversicht, weitere Schritte gehen zu können.

Wo Hoffnung konkret wächst

Wo erleben Sie Hoffnung ganz praktisch?

Immer dann, wenn junge Menschen merken: Ich schaffe etwas. Beispielsweise wenn jemand nach langer Schulverweigerung wieder seinen Alltag bewältigt, ein Schuljahr durchhält oder einen Abschluss erreicht. Oder wenn junge Menschen in Projekten erleben, dass ihr Einsatz Wirkung zeigt – etwa in ökologischen Bildungsprojekten, bei denen sie sehen, wie etwas wächst, das sie selbst gepflegt haben. Besonders stark sind diese Erfahrungen, wenn Ausbildungswege gelingen und Abschlüsse erreicht werden, die man sich anfangs nicht zugetraut hätte. Dann entsteht das Gefühl: Ich kann etwas. Ich bin etwas. Und ich kann weitergehen.

Die Pädagogik Don Boscos ist stark auf Beziehung angelegt: ein familiäres Klima, ein gutes Miteinander, Vertrauen. In solch einer Atmosphäre können Hoffnung und Vertrauen wachsen.

Verantwortung von Kirche und Gesellschaft

Was brauchen junge Menschen heute von Kirche und Gesellschaft?

Zunächst die klare Botschaft: Junge Menschen sind unsere Zukunft. Jeder junge Mensch ist wichtig und hat ein Recht darauf, unterstützt zu werden und seinen Platz in der Gesellschaft zu finden – und in der Kirche, wenn er das möchte. Und es lohnt sich, um jeden jungen Menschen zu kämpfen, gerade um jene, die es schwerer haben. Das ist angesichts knapper Kassen eine große Herausforderung. Angebote für junge Menschen sind mancherorts gefährdet oder fallen bereits weg.

Kirche und Gesellschaft müssen Räume schaffen, in denen junge Menschen sich entwickeln können und Unterstützung erfahren: sichere Orte, Orte der Beteiligung, Orte der Ermutigung und der Entfaltung. Die Kirche kann hier Anwältin junger Menschen sein – besonders für jene, die Ausgrenzung erfahren. Ohne Verzweckung oder Rekrutierung, sondern selbstlos im Dienst an der Jugend.

Welche Rolle sehen Sie für sich als Leitung?

Mir ist wichtig, dass wir als Träger alles tun, um Orte der gelebten Hoffnung zu schaffen, wo junge Menschen in ihrer Hoffnung bestärkt werden: Orte, wo sie positive Erfahrungen machen und wachsen;. Orte, wo sie der Glaubensdimension begegnen können, den Glauben kennenlernen und frei entscheiden können. Damit wird christliche Hoffnung als möglicher Weg überhaupt erst greifbar.

Das bedeutet allem voran: Mitarbeitende finden und fördern, die diese Aufgabe gut tun können – und die Freude an ihrer Arbeit haben. Es heißt auch: Rahmenbedingungen schaffen – Strukturen, Gebäude, Beteiligungsmöglichkeiten und vor allem Orte, wo sich die Kinder und Jugendlichen geschützt und angenommen fühlen.

„Das gibt mir Hoffnung“

Was macht Sie persönlich hoffnungsstark?

Für mich hat Hoffnung einen Namen und ein Gesicht: Jesus Christus. Durch ihn habe ich das Vertrauen, dass Gott es gut mit dieser Welt meint. Dabei helfen mir Gebet und Gottesdienst, dieses Vertrauen lebendig zu halten. Dabei finde ich mich im Ringen vieler biblischer Gestalten wieder. Besonders die existentiellen Erfahrungen, die sich in den Psalmen ausdrücken, sind mir eine wichtige geistliche Quelle. 

Mich ermutigen auch Beispiele von hoffnungsstarken Menschen, allen voran das beeindruckende Gottvertrauen, das Don Bosco immer wieder Schwierigkeiten und Widerstände überwinden und Lösungen finden ließ. Tragend ist für mich persönlich auch die brüderliche Gemeinschaft innerhalb des Ordens, das Miteinander mit den Mitbrüdern und in der Don-Bosco-Familie und die Bestärkung, die ich dort immer wieder erfahren darf. Und es macht mich auch hoffnungsvoll, wenn ich in unseren Einrichtungen sehen darf, wie junge Menschen über sich hinauswachsen – wie sie ihren Weg und ihren Platz im Leben finden. Das gibt mir Hoffnung.