Zukunftsforscherin Susanne Eckes: „Wenn junge Menschen erleben, dass ihr Handeln einen Unterschied macht, entstehen Resilienz und Hoffnung.“

Veröffentlicht am: 24. Januar 2026
Portraitfoto von Susanne Eckes

Trend- und Zukunftsforscherin Susanne Eckes

Junge Menschen wachsen in einer Welt voller Krisen und Kriege auf. Die Gesellschaft verändert sich, Spaltung und Vereinzelung nehmen zu. Trend- und Zukunftsforscherin Susanne Eckes beschreibt in unserem Interview, wie es Jugendlichen und jungen Erwachsenen geht und wie sie denken. Und sie erklärt, was junge Menschen brauchen, um in der Gesellschaft ihren Platz finden und trotz aller Schwierigkeiten hoffnungsvoll in die Zukunft zu schauen.

Interview: Christina Tangerding

Frau Eckes, Sie beobachten die Gegenwart, um daraus Visionen für die Zukunft zu entwickeln. Wie ist derzeit die Stimmung unter jungen Menschen?

Susanne Eckes: Wenn ich die Stimmung unter jungen Menschen zusammenfassen müsste, wären Angst und Überforderung sehr zentrale Begriffe. Ein Teil davon ist entwicklungsbedingt – Identitätsfindung war nie einfach. Neu ist jedoch, dass die äußeren Bedingungen diese Suche deutlich erschweren.

Junge Menschen erleben heute eine Gesellschaft, die selbst keine klare Orientierung mehr bietet. Über lange Zeit gab es relativ stabile Leitplanken, heute fehlt dieses Gefühl von Verlässlichkeit. Stattdessen befinden wir uns mitten in einem Epochenwandel – technologisch, ökologisch und gesellschaftlich. Dieser Umbruch wird jedoch selten als gemeinsamer Prozess verstanden, sondern eher begleitet von Polarisierung, Schuldzuweisungen und der Sehnsucht nach einer vermeintlich besseren Vergangenheit.

„Es geht weniger um große Visionen als um einen verlässlichen Rahmen"

Für junge Menschen ist das besonders belastend, weil sie wenig Gestaltungsmacht haben, aber mitten in diesen Wandel hineingeboren werden. Die Parallele zu Johannes Bosco liegt für mich nahe: Auch im Turin des 19. Jahrhunderts wuchsen junge Menschen in tiefgreifenden Umbruchzeiten auf. Damals der Übergang von der Agrar- zur Industriegesellschaft, heute der Wandel in eine digital-postindustrielle Welt – in beiden Fällen müssen sich auch die Erwachsenen neu orientieren.

Hinzu kommt ein demografischer Faktor: Junge Menschen sind zahlenmäßig schwächer als ältere Generationen und erleben oft, dass über ihre Zukunft entschieden wird, ohne ausreichend eingebunden zu sein. Gleichzeitig leben sie in einer stark individualisierten Kultur, die ihnen große Freiheit, aber auch enorme Eigenverantwortung zuschreibt. Dieser Widerspruch wird spätestens beim Berufseinstieg spürbar.

Die Vielzahl an Möglichkeiten – von hunderten Ausbildungsberufen über tausende Studiengänge bis hin zu Berufen, die erst entstehen werden – wirkt eher überfordernd als befreiend. Während früher viele sagten: „Ich will die Welt verändern“, höre ich heute deutlich häufiger: „Ich wünsche mir eine Welt, die mich nicht überfordert.“ Es geht weniger um große Visionen als um einen verlässlichen Rahmen.

Die Sorgen sind sehr konkret: Krieg, Inflation, gesellschaftliche Spaltung, Wohnraummangel und Klimawandel. Die Wünsche entsprechend bodenständig: sichere Arbeit, bezahlbarer Wohnraum, soziale Stabilität und eine verlässliche Politik. Und doch gibt es große Unterschiede zu früheren Generationen, die häufig zu Missverständnissen führen – auch in Unternehmen, wo oft gesagt wird: „Das ist eine ganz andere Generation, wir verstehen sie nicht.“

„Junge Menschen haben das Gefühl für Systeme zu arbeiten, die sie als nicht zukunftsfähig wahrnehmen"

Inwiefern ist diese Generation, die sogenannte Gen Z, anders und weshalb sorgt sie für Unmut in den Betrieben?

Junge Menschen sind das Ergebnis ihrer Sozialisation. Hier mangelt es uns Erwachsenen oft auch an Reflektion in Bezug auf unseren aktuellen Lebensstil, der für die Jugendlichen der einzige ist, den sie kennen, der sie sozialisiert hat. Wer sie dann pauschal abwertet, nimmt sich und ihnen die Möglichkeit für Verstehen, Vertrauen und somit ihre Wirksamkeit.

Ein häufiger Kritikpunkt lautet, junge Menschen seien bei der Arbeit nicht engagiert genug. Wenn man ihnen jedoch zuhört, sagen viele: „Wir sehen keinen Sinn in dem, was wir tun.“ Sie haben das Gefühl, für Systeme zu arbeiten, die sie als nicht zukunftsfähig wahrnehmen.

Die Frage nach Sinn oder Purpose (Zweck) wird dabei in manchen Betrieben als anmaßend empfunden – nach dem Motto: „Jetzt wollen sie auch noch Sinn.“ Dabei hatten frühere Generationen ihren Sinn fast automatisch im Einklang und Anerkennung mit den Zielen der Gesellschaft: Aufbau, Wohlstand, ein besseres Leben für die nächste Generation. Heute geht es darum, den Planeten zu retten, Systeme neu zu denken – was zu groß für den eigenen Handlungsrahmen ist. Deshalb suchen sie nach Sinn im Beruf, um dort als Teil der Lösung mitwirken zu können. Sinn motiviert, schafft Verantwortungsgefühl und hilft Menschen, Herausforderungen aktiv mitzugestalten, statt innerlich auszusteigen.

Junge Menschen wissen, dass ein Job ihre Miete zahlt. Sie machen ihn – aber sie engagieren sich nur dann über das Vereinbarte hinaus, wenn sie Sinn erkennen. Fehlt dieser, entstehen Phänomene wie „Quiet Quitting“ (stille Kündigung), der Fokus auf ein Mindestmaß an Leistung oder der Wunsch nach Modellen wie der Viertagewoche. Die gewonnene Zeit investieren viele in gesellschaftliches Engagement oder persönliche Weiterentwicklung. Was oft als mangelnde Leistungsbereitschaft gilt, ist in Wahrheit eine bewusste Priorisierung.

„Halt, Orientierung und klare Strukturen geben Sicherheit und entlasten. Fehlen sie, kann das überfordern"

Ein weiterer Vorwurf lautet, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen seien zu sensibel und nicht kritikfähig.

Ich glaube, da ist etwas dran – und gleichzeitig müssen wir uns als Gesellschaft fragen, welchen Anteil wir selbst daran haben. Viele junge Menschen würden sagen: Wir sind emotional intelligenter. Gefühle werden benannt, Tabus aufgebrochen, Grenzen kommuniziert. Das halte ich für eine positive Entwicklung.

Was mir bei diesen Vorwürfen der Generationen, die in beide Richtungen gehen, manchmal fehlt, ist der Blick für das Gemeinsame. Individuelle Sichtweisen und Bedürfnisse werden oft automatisch höher gewichtet als das, was für eine Gemeinschaft, eine Abteilung oder eine Aufgabe sinnvoll wäre. Das ist jedoch kein individueller Makel, sondern das Ergebnis einer Entwicklung hin zu mehr Individualisierung – auch im Erziehungsstil.

Wir haben uns in den letzten Jahren sehr stark auf die Bedürfnisse von Kindern fokussiert. Gefühle werden sofort gespiegelt, schwierige Erfahrungen eher vermieden, Entscheidungen gemeinsam ausgehandelt. Gleichzeitig glaube ich, dass Kinder dadurch weniger Raum für eigene Bewältigungserfahrungen haben. Halt, Orientierung und klare Strukturen geben Sicherheit und entlasten. Fehlen sie, kann das überfordern.

Ein weiteres Thema vieler Ausbildungsbetriebe, „Warum wollen sie ständig Feedback?“, lässt sich sowohl auf den Erziehungsstil als auch auf ihr digitales Lebensumfeld mit stetiger Rückmeldung in Form von Likes, Belohnungen und Kommentaren zurückführen. Hinzu kommt eine stark konsumorientierte Gesellschaft. Kinder sind häufig Konsumenten. Wo können heute Kinder und Jugendliche noch Selbtwirksamkeitserfahrungen machen, wo können sie Verantwortung für andere, im Haushalt, im Verein übernehmen? Wo erleben sie Selbstwirksamkeit jenseits ihrer eigenen Bedürfnisse? Solche Erfahrungen stärken Resilienz. Fehlen sie, verstärken sich Unsicherheit und Einsamkeit.

Was brauchen junge Menschen heute, um in der Gesellschaft zurechtzukommen und ihren Platz zu finden?

Ich sehe es als Aufgabe der Erwachsenen, jungen Menschen gerade in diesen transformativen Zeiten persönliche Begleitung, Halt und Raum zu geben. Nicht, um ihnen vorzuschreiben, wie ihr Leben aussehen soll, sondern um gemeinsam auf Augenhöhe Zukunft zu denken und gemeinsam zu gestalten.

Auch Spiritualität spielt zunehmen wieder eine Rolle

Junge Menschen sind in einer digitalisierten, hochindividualisierten Welt sozialisiert. Algorithmen bestätigen Meinungen, Beziehungen können leicht abgebrochen werden. Das ist kein Trainingsfeld für zwischenmenschliche Kompetenzen und Gemeinschaft. Ich glaube, junge Menschen profitieren enorm davon, wenn sie eingebunden werden und Verantwortung übernehmen dürfen. Erste Trends zeigen das deutlich. Nach mentalen Krisen sprechen selbst Influencer davon, dass „Community Medicine“ ist. Gemeinschaft wird als heilend wiederentdeckt.

Auch Spiritualität spielt zunehmen wieder eine Rolle – als Sehnsucht nach Verbundenheit und Sinn, aber auch im religiösen Sinne als Sehnsucht Orientierung und Halt. Hierbei beobachte ich im religiösen Bereich derzeit jedoch die Gefahr der Instrumentalisierung des Glaubens durch extreme Strömungen.

Was gibt jungen Menschen Hoffnung?

Hoffnung entsteht dort, wo es eine Idee von einer besseren Zukunft gibt und Menschen sich als wirksam für die Gemeinschaft erleben. Darum ist Wirksamkeit im Kleinen entscheidend: überschaubare Räume, konkrete Aufgaben, direkte Resonanz. Wenn junge Menschen erleben, dass ihr Handeln einen Unterschied macht, entstehen Resilienz und Hoffnung.

Haben Sie dafür ein Beispiel?

Ich sehe viele positive Beispiele. Mir fällt Alina ein, eine 15-jährige Schülerin aus dem ländlichen Bayern, die mit ihren Freunden an ausgewählten Tagen einen Foodtruck betreibt um gesunde Ernährung im ländlichen Raum anzubieten und sichtbarer zu machen. Ihr Ziel ist es, besonders Schülerinnen und Schüler für bewusstes Essen zu begeistern und dieses Wissen durch Vorträge und Workshops weiterzugeben.

Australien hat Social Media für Unter-16-Jährige verboten. Ich bin klar dafür.

Auch wenn Auszubildende soziale Aktionen mitgestalten dürfen, wenn sie zum Beispiel vor Weihnachten Plätzchen backen für Senioren und sie ihnen dann selbst überbringen dürfen – in solchen Situationen erleben die Ausbilder die Jugendlichen meist von einer sehr positiven, engagierten Seite. Gemeinschaft, Sinn und direkte Rückmeldung sind entscheidend. Es gibt einen Rahmen, Begleitung und echte, erlebbare, sinnliche Erfahrungen. Das wirkt.

Stichwort sinnliche Erfahrung versus Bildschirmzeit: Australien hat Social Media für Unter-16-Jährige verboten. Wie stehen Sie dazu?

Ich bin klar dafür. Lange wurde argumentiert, es gebe keine ausreichende Evidenz für die gesundheitlichen Auswirkungen von Social Media – ähnlich wie früher beim Rauchen. Inzwischen geht man einen anderen Weg und schaut auf die Umkehrfrage: Was passiert, wenn Jugendliche bewusst darauf verzichten?

In einer Studie haben junge Menschen sechs Wochen lang unter wissenschaftlicher Begleitung auf ihr Smartphone verzichtet. Das Ergebnis war deutlich: Depressive Verstimmungen gingen in dieser kurzen Zeit um rund ein Drittel zurück.

„Aus meiner Sicht müssen wir Gemeinschaft wieder als hohes Gut begreifen" 

Mich erstaunt immer wieder, wie lange es gesellschaftlich dauert, bis wir auf solche Erkenntnisse reagieren. Beim Rauchen hat es Jahrzehnte gebraucht. Ich hoffe sehr, dass wir diesmal schneller handeln – zum Schutz junger Menschen und zugunsten echter Erfahrungen jenseits des Bildschirms.

Sie möchten mit Ihrer Arbeit gesellschaftlichen Wandel anstoßen. Was ist aus Ihrer Sicht die wichtigste Veränderung?

Aus meiner Sicht müssen wir Gemeinschaft wieder als hohes Gut begreifen. Wir haben in den letzten Jahrzehnten stark auf Individualisierung gesetzt – auf Selbstverwirklichung, Freiheit und persönliche Autonomie. Das hat viele positive Errungenschaften gebracht, aber wir sind inzwischen an einem Punkt angekommen, an dem diese Entwicklung kippt. Die Folgen sind spürbar: Vereinzelung, Überforderung und eine wachsende Einsamkeit in allen Altersgruppen. 

Einsamkeit ist kein Randphänomen mehr, sondern ein zentrales gesellschaftliches Thema. Das Gegenstück dazu ist nicht bloß soziale Nähe, sondern echte Zugehörigkeit – das Gefühl, Teil eines größeren Ganzen zu sein und gebraucht zu werden.

Wir befinden uns mitten in einer tiefgreifenden Transformation. Die entscheidende Frage lautet für mich: Spalten wir uns weiter in Einzelinteressen und Lager – oder gelingt es uns, wieder gemeinsame Ziele zu formulieren, auf die wir als Gesellschaft zulaufen können? Zukunftsfähigkeit entsteht dort, wo wir das „Ich“ wieder stärker mit einem verantwortungsvollen „Wir“ verbinden.

Lernen, Arbeiten und Zusammenleben neu denken

Wie lassen sich diese Ideen im System Gesellschaft umsetzen?

Vor allem durch ein grundlegendes Umdenken in Bildung und Wertevermittlung. Viele unserer Systeme sind noch stark von einem industriellen Denken geprägt: linear, leistungsorientiert, fragmentiert. Den Herausforderungen unserer Zeit werden wir damit kaum gerecht. Stattdessen braucht es ganzheitlichere Perspektiven, die Zusammenhänge sichtbar machen und Menschen wieder stärker in Beziehung zueinander setzen.

Konkret heißt das: Räume zu schaffen, in denen Gemeinschaft erfahrbar wird und Verantwortung eingeübt werden kann – in Schulen, in Ausbildung, in Vereinen, in sozialen Projekten. Junge Menschen brauchen Gelegenheiten, sich als Teil eines größeren Ganzen zu erleben und Wirksamkeit zu erfahren.

Ich sehe diese Phase als eine Art Reconnection-Phase: die Wiederverbindung mit uns selbst, mit anderen Menschen und mit der Natur. Erst daraus kann eine zukunftsfähige, gemeinschaftsorientierte Gesellschaft entstehen. Dafür müssen wir Lernen, Arbeiten und Zusammenleben neu denken – weniger isoliert, mehr vernetzt, getragen von gemeinsamen Werten statt nur von Effizienz.

Welche Rolle spielt Hoffnung für Zukunftsfähigkeit?

Eine zentrale. Hoffnung entsteht dort, wo Menschen eine Vorstellung davon entwickeln können, dass Zukunft gestaltbar ist – und dass sie selbst darin eine Rolle spielen.

TEDx München (eine Vortragsreihe in München, angelehnt an die jährlichen TED-Konferenzen in den USA, Anmerkung der Redaktion) ist für mich eine Veranstaltung, die Menschen ganz real eine Bühne für ihre Ideen gibt. Es geht um Visionen für ein besseres Miteinander, um konkrete Lösungsansätze und darum, wie wir Zukunft gemeinsam gestalten können. Menschen erzählen von ihren Projekten und davon, wie Gemeinschaft gelingen kann.

„Don Boscos Ansatz ist hochaktuell"

Nach einer TEDx-Konferenz hören wir oft das Feedback, dass die Teilnehmenden mit Hoffnung aufgetankt nach Hause gehen – allein schon, weil sie erleben, wie viele Menschen sich ernsthaft Gedanken darüber machen, wie wir besser leben und respektvoll miteinander umgehen können. 

Don Bosco möchte jungen Menschen Hoffnung geben – wie bewerten Sie diesen Ansatz?

Gerade heute ist dieser Ansatz hochaktuell. Er hat jungen Menschen Räume eröffnet, in denen sie Gemeinschaft erfahren, Verantwortung übernehmen und ihre Fähigkeiten entdecken konnten – ohne Überforderung, aber mit Zutrauen. Im Kern geht es um Ermutigung: jungen Menschen zeigen, dass sie mit dem, was sie sind, Teil der Lösung sein können.

Was gibt Ihnen persönlich Hoffnung?

Mein Mann und ich sind grundsätzlich zuversichtlich und handlungsorientiert. Diese Haltung wollen wir unseren Kindern mitgeben: Auch wenn etwas groß oder überfordernd wirkt – man kann immer etwas tun. Und das allein gibt Hoffnung.

 

Zur Person

Susanne Eckes bezeichnet sich als Trend- und Zukunftsforscherin, als Systemikerin für gesellschaftlichen Wandel. Sie ist Speakerin, Partnerin der „Rock your life! Academy“ und Kuratorin der Vortragsreihe TEDx München. Seit dem vergangenen Jahr bietet sie zudem systemische Beratung und Therapie an. „Everything is connected. A reassuring certainty” (Alles ist miteinander verbunden. Eine beruhigende Gewissheit) lautet das Motto auf ihrer Website. Eckes Ziel: die Welt verändern.

Zum Weiterlesen 
Mehr über Susanne Eckes und ihre Arbeit finden Sie auf ihrer Website unter www.susanne-eckes.de.